Position der 100 % erneuerbar Stiftung zur Atomkraftnutzung und zur Laufzeitverlängerung

Die 100% erneuerbar Stiftung lehnt die beschlossene Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke ab, da dies keinen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz liefert, die Stromkosten voraussichtlich nicht oder nicht nennenswert senkt und aufgrund vorhandener Alternativen nicht notwendig ist, um die Versorgungssicherheit im deutschen Stromnetz zu garantieren. Zudem behindert eine Laufzeitverlängerung den Wandel hin zu einer sicheren, wirtschaftlichen und umweltfreundlichen Stromversorgung auf Basis regenerativer Energien. Darüber hinaus führt eine Laufzeitverlängerung zur fortschreitenden Produktion hochgiftige radioaktiver Abfälle, zur weiteren Verschärfung der bislang ungeklärten Endlagerfrage sowie zum Fortbestand des Risikos eines atomaren Unfalls.

Nachhaltigkeit:
Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist Atomkraft keine CO2 neutrale Technologie. Kohlendioxid Emissionen entstehen beim Kraftwerksbau, bei der Uranförderung und bei der Herstellung der Brennelemente. Laut einer Studie des Ökoinstitutes werden bei der Produktion von einer Kilowattstunde Atomstrom zwischen 31 und 61 Gramm CO2 erzeugt, je nach Herkunft des Urans. (vgl. Öko-Institut 2007) Somit stellt Atomenergie keine abschließende Lösung für das Problem des Klimawandels dar.

Darüber hinaus trägt die Atomenergie keineswegs zu einer zukunftsfähigen Energieversorgung bei, da die Uranvorräte endlich sind. Nach einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie werden sie in rund 63 Jahren erschöpft sein. Atomkraft stellt somit keine langfristig verlässliche Form der Energiegewinnung dar – im Gegensatz zu regenerativen Energien, die unbegrenzt verfügbar sind. (vgl. MBWI 2006)

Vergleicht man die Stromerzeugung aus Atomkraft und aus regenerativen Energien hinsichtlich der Beschäftigungseffekte, so lässt sich feststellen, dass erneuerbare Energien wesentlich mehr Arbeitsplätze generieren: Während in der Atombranche derzeit rund 35.000 Menschen arbeiten, beschäftigt der Erneuerbare-Energien-Sektor deutschlandweit 340.000 Menschen – mit weiter steigender Tendenz. (vgl. BMU 2009c, IGM 2010)

Stromproduktion und Strompreis:
Darüber hinaus bremst die beschlossene Laufzeitverlängerung die derzeitige Modernisierung des deutschen Kraftwerksparks. Bleiben atomare Erzeugungskapazitäten am Netz, so verringert sich der Anreiz und die Notwendigkeit in moderne Kraftwerke, erneuerbare Energien, Kraft-Wärme-Kopplung und energieeffiziente Anwendungen zu investieren. Diese Technologien sind jedoch unerlässlich um auf nachhaltigem Wege eine klimaschonende Energieversorgung einzuführen und die Strompreise auf Dauer berechenbar und bezahlbar zu halten. Die Laufzeitverlängerung bremst somit den erforderlichen und bereits angelaufenen Strukturwandel im Energiesektor aus. (vgl. Greenpeace 2011)

Zudem blockiert Atomkraft den Ausbau regenerativer Energien auch noch auf andere Weise: Regenerative Energien speisen aufgrund von Wetteränderungen nicht kontinuierlich in das Stromnetz ein. Diese schwankenden Einspeisungen müssen derzeit noch durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden, die je nach Bedarf kurzfristig zu- oder abgeschaltet werden. Eben diese Flexibilität ist jedoch bei Kernkraftwerken nicht gegeben. Ihre Stromproduktion kann nur sehr langsam und nur bis zu einem gewissen Grad reguliert werden. Eine zunehmende Nutzung regenerativer Energien im Strombereich ist daher grundsätzlich inkompatibel mit den schwerfälligen Kernkraftwerken, welche die Stromnetze „verstopfen“. Stattdessen werden flexibel regelbare Kraftwerke benötigt, wie beispielsweise moderne Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke. Der Neubau solcher regelbaren Kraftwerke wird jedoch ebenfalls gebremst, wenn Atomkraftwerke weiter am Netz bleiben. (vgl. BMU 2009a, BWE 2010)

Ein weiteres, oft angeführtes Argument für den Erhalt der Kernenergie als „Brückentechnologie“ ist, dass ohne Kernenergie Engpässe in der deutschen Stromversorgung entstünden und die Strompreise dramatisch ansteigen würden. Dem widersprechen die Ergebnisse einer vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) in Auftrag gegebenen Studie des Freiburger Öko-Instituts. Wie die Studie feststellt, führte ein längerfristiger Ausfall von sieben deutschen Kernkraftwerken (entspricht in etwa 45 Prozent der deutschen Kernkraftleistung) im Jahr 2007 weder zu einem Stromausfall im deutschen Stromnetz, noch zu einem Anstieg des Großhandels-Strompreises. (vgl. Öko-Institut 2009) Auch das derzeitige Moratorium, das in Folge der Reaktorkatastrophe in Fukushima verhängt wurde, widerlegt die These vom Black-out. Wie sich zeigt, führt die dreimonatige Abschaltung von sieben Kernkraftwerken nicht zu Stromausfällen in Deutschland. – Weitere Studien, die die Auswirkungen der Laufzeitverlängerung auf zukünftige Strompreisentwicklungen untersuchen, kommen zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie das Öko-Institut. Laut diesen Studien würde der Atomausstieg entweder zu keinem oder lediglich zu einem geringfügigen Strompreisanstieg führen (je nach Studie zwischen zwölf Cent und einem Euro pro Monat für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt). (vgl. Zeit 2008, Spiegel 2010, Öko-Institut 2009)
Die Endverbraucher profitieren also nicht oder nur geringfügig von einer Laufzeitverlängerung. Demgegenüber erwirtschaften jedoch die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke jährlich Zusatzgewinne von drei bis vier Milliarden Euro. (vgl. BMU 2009c) Vor dem Hintergrund dieser Zusatzgewinne wird klar, dass die Atomkraftwerk-Betreiber ein großes wirtschaftliches Interesse an der Einführung beziehungsweise an der Beibehaltung der Laufzeitverlängerungen haben.

Die 100% erneuerbar Stiftung weist an dieser Stelle darauf hin, dass Kernenergie in Deutschland massiv vom deutschen Staat, und damit vom Steuerzahler, subventioniert wurde und wird. Die staatliche Förderung betrug zwischen 1950 und 2010 insgesamt 194,9 Milliarden Euro. Dies entspricht einer durchschnittlichen Förderung von 4,3 Cent pro (bislang produzierter) Kilowattstunde Atomstrom. (vgl. FÖS 2010) Zudem muss der Staat auch größtenteils für die Kosten eines eventuellen Super-GAUs aufkommen, da die Haftung der Atomkraftwerksbetreiber stark begrenzt ist. Auch an den Kosten der Endlagerung könnte der Staat künftig beteiligt werden; falls die Rücklagen der Atomkonzerne nicht ausreichen sollten um die Kosten zu decken. (vgl. BMU 2009b)

Risiken für Mensch und Natur:
Gegen die Laufzeitverlängerung spricht des Weiteren, dass mit der Nutzung der Kernenergie eine erhebliche Schädigung und Gefährdung von Mensch und Natur einhergeht. So werden bereits bei der Uranförderung radioaktive Stoffe und Strahlung an die Umwelt abgegeben. Bei der anschließenden Aufbereitung des Uranerzes zu Brennelementen entstehen giftige und strahlende Abfallstoffe. Auch während des Betriebs der Atomkraftwerke wird Strahlung an die Umwelt abgegeben. Diese Strahlung ist offiziell zu niedrig, um eine ernsthafte Gefährdung der Bevölkerung hervorzurufen. Dennoch hat beispielsweise eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz festgestellt, dass im Umfeld von Kernkraftwerken überdurchschnittlich viele Kleinkinder an Krebs erkranken. (vgl. Bundesamt für Strahlenschutz 2007, Greenpeace 2007)

Beim täglichen Betrieb der Kernkraftwerke kommt es zudem häufig zu Betriebsstörungen. Nach Angaben der Bundesregierung gab es in den letzten zehn Jahren 1163 meldepflichtige Störfälle in deutschen Kernkraftwerken. (vgl. Bundesregierung 2010) Eine bedenkliche Entwicklung insbesondere im Hinblick darauf, dass die Atomkraft ein wesentlich größeres Gefährdungspotential birgt als alle anderen Formen der Energiegewinnung. Die Folgen einer möglichen Kernschmelze wären schlichtweg katastrophal – zumal in einem vergleichsweise kleinen und dicht besiedelten Land wie Deutschland. Die Beispiele von Fukushima und Tschernobyl mahnen und machen deutlich, dass Kernkraft nicht vollständig beherrschbar ist und immer ein Restrisiko besteht!

Ein weiteres Risiko für Menschen und Umwelt ergibt sich aus der notwendigen Endlagerung der atomaren Abfallstoffe und Brennelemente. Diese Stoffe sind hoch gefährlich und müssen für Zeiträume von 10.000 bis zu einer Million (!) Jahre sicher von der Biosphäre abgeschlossen gelagert werden. Erst nach diesem Zeitraum ist die Radioaktivität vollständig abgeklungen. Problematisch ist zum einen, dass eine sichere Lagerung für derart lange Zeiträume schwer vorstellbar ist. Zum anderen ist bis heute weltweit noch kein einziger Ort gefunden worden, der als sicher genug eingestuft wird, um dort langfristig radioaktiven Müll lagern zu können. Entsprechend existiert bis heute kein einziges Endlager. Vor diesem Hintergrund stellt eine Laufzeitverlängerung eine gigantische Problemverschiebung dar, die wir zukünftigen Generationen auf unverantwortliche Weise aufzwingen (Eine Laufzeitverlängerung von zehn Jahren generiert ca. 3500 Tonnen zusätzlichen Atommüll). (vgl. BMU 2009b & 2009c, Greenpeace 2007)

Auf Grund der genannten Argumente ist die 100 % erneuerbar Stiftung gegen die Nutzung von Atomkraft und gegen die Verlängerung der Laufzeiten bestehender Atomkraftwerke.

Literatur:
BMU (2009a): Gabriel: Wer erneuerbare Energien will, muss Atomkraftwerke abschalten
BMU (2009b): Atomkraft – kein Weg für die Zukunft
BMU (2009c): Hindernis Atomkraft – Die Auswirkungen einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke auf erneuerbare Energien
BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie) (2006): Kurzbericht – Verfügbarkeit und Versorgung mit Energierohstoffen
Bundesamt für Strahlenschutz (2007): Kinderkrebs und Kernkraftwerke
Bundesregierung (2010): Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken – Fragen zum Nachrüstbedarf der 17 Atomkraftwerke
BWE (2010): Laufzeitverlängerungen provozieren Systemkonflikte mit Erneuerbaren Energien
FÖS (Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft): staatliche Förderungen der Atomenergie im Zeitraum 1950 – 2010
Greenpeace (2007): Risiko Atomkraft – Warum der Ausstieg aus der Atomkraft der einzig richtige Weg ist
Greenpeace (2011): Atomkraftwerke: abschalten, Laufzeiten nicht verlängern!
IGM (IG Metall Unterelbe) (2010): Erneuerbare Energien statt Atom! – Rede auf der Anti Castor Aktions am 23. Oktober 2010 in Pinneberg
Öko-Institut (2007): Treibhausgasemissionen und Vermeidungskosten der nuklearen, fossilen und erneuerbaren Strombereitstellung
Öko-Institut (2009): Laufzeitverlängerungen für die deutschen Kernkraftwerke? Kurzanalyse zu den potenziellen Strompreiseffekten
Spiegel (2010): Längere Laufzeiten – Studie widerlegt Billigstrom-Versprechen der Atomriesen
Zeit (2008): Minimale Ersparnis durch längere AKW-Laufzeiten