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100% im Portrait: Barbara Hennecke
Sie nutzen schon seit fast zwei Jahren soziale Netzwerke in Ihrer Außenkommunikation. Im Vergleich zu Campact! oder Greenpeace liegen Sie mit gut 1000 „Fans“ bei Facebook am unteren Rand. Interessiert das Thema erneuerbare Energie im web2.0 niemanden, ist es unsexy oder sind die rund 45.000 Fans von jeweils Greenpeace und Campact! alles inaktive Karteileichen im Gegensatz zu Ihren 1.000?
Wir nutzen soziale Netzwerke ganz bewusst da sie wie dezentrale Energieversorgung aus (Informations-) Einspeisung ins (Daten-) Netz aus vielen unterschiedlichen Quellen besteht. Jeder wird zum Sender, Monopole sind aufgelöst, es gibt keine Deutungshoheit. Wir nehmen unsere Follower, Fans und Freunde sehr ernst, wir filtern nicht, wir diskutieren auch über kritische Punkte und nehmen Anregungen an. Wir bekommen sehr gutes Feedback auf diese transparente Informationspolitik und gehören in der Stiftungswelt aber auch in der Branche der erneuerbaren Energie zu den „Early Movern“ was web2.0 anbetrifft, auch wenn es diese Netzwerke zum Teil ja schon seit über fünf Jahren gibt. Im Vergleich zu anderen Initiativen oder Unternehmen in diesen beiden Bereichen sind wir mit gut 1.000 Facebook-Fans, 1.700 Followern auf Twitter und 7.000 Usern pro Monat auf unserem Blog am oberen Ende der Aufmerksamkeitslatte. Aber ja, Greenpeace und Campact! haben deutlich mehr Fans. Wir reden hier aber auch von zwei sehr bekannten „Marken“, die auch offline seit Jahren viele Menschen hinter sich vereinen. Da vergleichen wir uns schon mit den ganz Großen.
Grundsätzlich muss man aber sagen, dass inzwischen zufällige oder unbeabsichtigte „Klick-Berühmheiten“ in Zeiten von bezahltem Seeding immer weniger werden. Immer mehr Unternehmen und Organisationen wollen ihre Themen zum viralen Selbstläufer machen. So einfach geht das aber nicht mehr. D.h. jeder Fan ist ein Gewinn und er muss mit guter Information gepflegt werden. Das hält auf Dauer die Menschen am Thema. Einen auffallenden Peak hatten wir rund um das Reaktorunglück in Japan, wie man sich vorstellen kann. Das Bedürfnis, sich zu informieren und mit dem Like-Button eine Haltung auszudrücken, war damals recht groß. Und immer noch ist der Hashtag „Energiewende“ ein gern genutzter – das Thema ist weder unsexy noch irrelevant. Ganz im Gegenteil.
Fazit: Wir werden weiterhin eine starke Kommunikation im „Mitmach-Internet“ fahren, aber je nach Zielgruppe auch auf klassische Medien zurückgreifen.
Lösen Medien des web2.0 die klassische, statische web1.0-Seite ab? Oder: Wie nutzen Sie die beiden unterschiedlichen Kanäle für Ihre Stiftung?
Da gibt es keine allgemeingültige Antwort. Wir entfernen uns seit Jahren immer mehr vom „großen Verteiler“ über den blind Information in (irgendeine) Welt gepustet wird. Vielmehr kommt es darauf an, Information auf den Empfänger abzustimmen und zu erkennen, über welches Medium er Information erwartet. In unserem Falle als Stiftung für eine Energieversorgung rein durch Erneuerbare macht es keinen Sinn, bspw. nur über Facebook zu kommunizieren. Damit erreichen wir unter Umständen die ländliche Bevölkerung, aus unserer Sicht die Entscheider über die Energiewende, nicht so gut wie über Informationsveranstaltungen oder ähnliches. Was ich sagen will – derzeit zeichnet sich für uns nicht ab, auf eine klassische Website zu verzichten. Ganz im Gegenteil. Wir transportieren über sie bestehende Werte unserer Arbeit die sich nicht dem Zeitgeist unterwerfen. Im Blog und auf Facebook reagieren wir wiederum auf aktuelle Entwicklungen und bieten ein Podium zur Diskussion.
Welche Werte in Ihrer Informationspolitik verfolgen Sie – Schnelligkeit oder Behutsamkeit, Sachlichkeit oder Polarisation?
Die kann man am Beispiel unserer Website im Vergleich zu sozialen Netzwerken gut beschreiben. Wir argumentieren pointiert und auch mal polarisierend. Vor drei Jahren war allein unser Name eine Provokation – heute ist die Losung „100 Prozent erneuerbar“ Mainstream. Wir bleiben dabei, zugespitzt zu informieren. Das können wir uns als unabhängige Stiftung leisten. Jedoch sind wir keine Schaumschläger – wir untermauern unsere Aussagen mit fundierten Fakten und Gründen. Daher gilt auch hier: Der richtige Ton an der richtigen Stelle. Um zum Beispiel zurückzukehren: Auf der Website finden sich sachliche Belege unserer Argumente, die wir bspw. über soziale Netzwerke streuen. Also: Wichtig ist immer ehrliche und aufrichtige Information, häufig muss man aber auch schnell und „laut“ sein, sonst wird man nicht gehört.
Auf die Verkündung welcher Schlagzeile freuen Sie sich schon heute und wo würden Sie sie verkünden?
Schwierig zu beantworten, die Frage hat ja auch eine Zeitdimension. Heute nutzen wir Facebook, Google+ kam erst vor ein paar Wochen dazu, von StudiVZ redet fast niemand mehr. Wie weit geht die mediale Revolution? Sind Radio, Fernsehen und Zeitungen vielleicht die Massenmedien, die es vor Hundert Jahren schon gab und in hundert Jahren noch geben wird? Wenn ich morgen meine Wunschschlagzeile verkünden müsste wäre das bspw. „Baden-Württemberg im Wind-Länderranking der 100% erneuerbar Stiftung auf Platz 1“ (und damit meine ich nicht den prozentualen Ausbau im Vergleich zum Vorjahr). Die Nachricht, dass Baden-Württemberg sein enormes Wind-Potential nutzt und mit der neuen Landesregierung die Energiewende wirklich umsetzt, würde ich am liebsten auf der Titelseite der Bild-Zeitung lesen. Damit würde diese Information rund fünf Millionen Deutsche erreichen und darüber hinaus könnte man an dieser prominenten Positionierung erkennen, dass das Thema Energieversorgung durch Erneuerbare als Realität in der Gesellschaft wirklich angekommen ist. Und wenn wir diesen Satz twittern würden, würde ich mich über einen Retweet von Spiegel Online, der FAZ oder der FTD freuen.
Der Fachbereich Kommunikation oder „Aufklärung“ wie es bei der 100% erneuerbar Stiftung heißt soll nicht nur der Dienstleistungssektor der Stiftung sein. Sprich: Sie werden nicht nur darüber berichten, was in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und lokale Netze passiert, sondern Information ist Selbstzweck für Sie und Ihre Kollegen. Was genau planen Sie und worauf liegt Ihr Fokus?
Wir haben im Juni 2011 ein alternatives Modell des Erneuerbare-Energien-Gesetz entwickelt das wir als iPad-App veröffentlicht haben. Das ist unser inhaltlicher Fahrplan, den wir bspw. in Workshops und Veranstaltungen mit Medien und Politik diskutieren werden. Außerdem möchten wir mit gut aufbereiteten Informationsmaterialien diesen Fahrplan visualisieren und verständlich machen. Es geht dabei um konkrete Maßnahmen, wie wir schneller und günstiger 100 Prozent erneuerbare Energie erreichen können. Darüber hinaus werden wir uns wie in der Vergangenheit in Gemeinschaftsprojekte mit anderen Initiativen einbringen, die unserem Stiftungszweck entsprechen. Die Zielgruppen unserer Arbeit sind Politik auf Bundesebene und Medien sowie branchenangehörige und gesellschaftliche Multiplikatoren. Dazu passend sind wir auch auf der Suche nach einem aktiven Kuratorium, das uns mit seinem Netzwerk und seinem Input unterstützt.
Sie sind seit Frühjahr 2009 bei der vormals Kampagne heute Stiftung. Zunächst als freie Mitarbeiterin, seit knapp zwei Jahren als Festangestellte. 100% erneuerbar hat sich in dieser Zeit stark gewandelt. Wo steht die Stiftung Ihrer Meinung nach in fünf Jahren?
Ich möchte das weniger mit konkreten Mitarbeiterzahlen oder der Höhe des zukünftigen Stiftungskapitals als mit einer Gewissheit beantworten: Die Aufgaben der Energiewende sind mannigfaltig. Die Fragen sind konkreter geworden, der Informations-, Forschungs-, Bildungs- und Handlungsbedarf größer der Chor der Befürworter ebenso. Als unabhängige Stiftung, die schnell agieren kann und das Wissen eines Projektentwicklers im Hintergrund hat sind wir gut aufgestellt, viele der Fragen beantworten zu können. Daher werden wir in den nächsten Jahren gute und nötige Projekte umsetzen und gemeinsam mit anderen Initiativen und Organisationen den Erneuerbaren einen Schub geben, Bürger an der Basis und Politiker in der Regierung zum Handeln und Umdenken bewegen und erneuerbare Energie den Platz in der Gesellschaft geben, den sie braucht und verdient hat. Es gibt also viel zu tun, für alle Initiativen im Bereich erneuerbare Energie. An dieser Herausforderung werden wir wachsen und uns messen.
Barbara Hennecke (31) ist studierte Kulturwissenschaftlerin und gelernte Grafikerin. Vor ihrer Tätigkeit war sie in diversen PR- und Werbeagenturen sowie in der Pressestelle einer Gedenkstätte im politisch-historischen Kontext beschäftigt.






Toller Ansatz, Barbara! Klingt sehr gut, und ist Teil der neuen medien- oder Kommunikationsrevolution.
Ich denke aber, was noch dazugehoert ist ein zusaetzliches praktisches Know-how, um sich selbst zu ernaehren aus guter Qualitaet Kost, gutes Wasser trinken zu koennen, vorsichtig mit Rohstoffen umgehen zu wissen, und die treffenden Verbindungen zu haben, Resourcen und Info mit anderen teilen zu koennen. Jedenfallos so seh ich die Dinge.
Ich wuerde mich riesig freuen, wenn Du uns hier in Suedafrika besuchst.