100% im Portrait: Peter Glasstetter

Peter Glasstetter, Referent Bildung&Wissenschaft 100% erneuerbar Stiftung

Herr Glasstetter, Sie sind seit Februar 2009 bei 100% erneuerbar. Zunächst also bei der Kampagne, nun bei der Stiftung, und außerdem sind Sie im Vorsitz des 100% erneuerbar Vereins. Sie haben also alle Formen der Initiative miterlebt. Was sind oder waren die Stärken der jeweiligen Gremien und wo die Grenzen?

Ziel der Kampagne war es, den Vollversorgungsgedanken mit erneuerbaren Energien in breiten Teilen von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung zu stärken und als Dialogpartner das Wissen über die regenerative Energiegewinnung und ihren Möglichkeiten und Potenzialen zu verbessern. Einer durch ein Unternehmen initiierten Kampagne, getragen durch ein kleines Team, sind dabei natürlich Grenzen gesetzt, was die Reichweite aber auch die Glaubwürdigkeit anbelangt. Über die Gründung eines gemeinnützigen Vereins und der Stiftung mit gemeinnützigen Zwecken sollten diese Grenzen ausgeweitet werden. Der Verein steht jedem zur Mitgliedschaft offen, der die dezentrale Energiewende und die dafür nötige Informations-,  Bildungs- und Entwicklungsarbeit aktiv oder auch nur materiell wie ideell unterstützen möchte. Der Verein verfolgt kleinere Projekte mit regional begrenzter Wirkung – etwa eine Fortbildung für Erzieherinnen und Erzieher im Elementarbereich, die das Thema erneuerbare Energien in ihrer Einrichtung umsetzen möchten. Er kann aber auch bei Demonstrationen wie etwa die gegen die Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke im Herbst 2010 und Frühjahr 2011 mit seinen Mitgliedern aktiv werden. Stiftungen genießen als Institutionen wiederum ein hohes Ansehen. Eine Mitgliedschaft ist hier nicht möglich, eine Zustiftung aber denkbar. Als selbstständige und unabhängige Organisation kann die Stiftung ihre Zwecke, die zum Teil schon in der Kampagne angelegt waren, effektiver vertreten und sich als Ideenschmiede einer dezentralen Energiewende etablieren.

Der Hauptsitz der 100% erneuerbar Stiftung war bislang Wörrstadt, wo das Unternehmen der beiden Stifter seine Zentrale hat. Nun ziehen auch Sie in die Hauptstadt. Was glauben Sie – wie wird sich der Ortswechsel auf die inhaltliche Ausrichtung der Stiftung auswirken?

Mit dem Standortwechsel rückt die Stiftung natürlich näher an die Bundespolitik heran. Von daher wird der Umzug zu einer Verstärkung der Aktivitäten im Bereich der politischen Kommunikation führen. Unserem Selbstverständnis zufolge wollen wir die erneuerbare Energiewende als Taktgeber begleiten, uns in energiepolitische Debatten einmischen und Impulse setzen. Aber auch die räumliche Nähe zu den großen Branchenverbänden und -institutionen ist in Berlin natürlich gegeben, was das Angehen von gemeinsamen Projekten und den Informationsaustausch erleichtert. Die bisherigen Tätigkeitsfelder werden durch den Umzug nicht berührt, aber in ihrer Reichweite – insbesondere im Bereich der Bildungsarbeit – auf eine überregionale Ebene gehoben.

Sie sind Referent für Bildung & Wissenschaft. Skizzieren Sie doch bitte kurz Ihren Bereich bzw. Ihre Aufgaben.

Als ich im Rahmen der 100%-Kampagne 2009 meine Tätigkeit aufnahm, ging es zunächst darum, die bereits in Planung befindlichen „Energiewandertage“ weiter auszugestalten und die Umsetzung zu begleiten. Im Rahmen der Kampagne werden seit 2009 Schulklassen der Stufen fünf bis acht dazu aufgerufen, eine kreative Bewerbung zu erneuerbaren Energien einzureichen. Aus den gelungensten Bewerbungen wurden bis zu acht Gewinner ausgewählt und diese zu einem „100% erneuerbar Energiewandertag“ eingeladen. Mit Quizheft und Lunchpaket ausgestattet gehen die Schüler auf eine geführte Erkundung von Erneuerbare-Energie-Anlagen. Bei den günstigen Voraussetzungen in Wörrstadt heißt das konkret, dass neben Elektrofahrzeugen unter Solarcarports ein Solar- und Windpark sowie als Beispiele der Bioenergie ein Holzpelletofen und ein mit Pellets befeuertes Mikro-Blockheizkraftwerk besucht werden können. Neben der Organisation und  der Erstellung der Begleitmaterialien für den Energiewandertag beschäftige ich mich auch mit unserem Energie-Erlebnis-Parcours. An fünf Stationen können Kinder und Jugendliche dabei etwas zu erneuerbaren Energien und dem Bereich Energiesparen erfahren. Der Parcours kommt beispielsweise bei Kinder- und Windparkfesten zum Einsatz. Neben diesen Aktivitäten zählt es zu meinen Aufgaben, mit Partnern Konzepte und Projekte zur Energiebildung zu entwickeln und umzusetzen. Unter eigener Regie werden wir in den nächsten Monaten unsere Erfahrungen zu den Wandertagen und dem Energieparcours in Form eines Leitfadens oder Handbuches zusammenfassen und andernorts die Fans erneuerbarer Energien dazu ermutigen, ähnliche Veranstaltungen durchzuführen.

Sie haben die Energiewandertage schon angesprochen. Es scheint, als ob das Projekt der „Top Seller“ unter den Produkten von 100% erneuerbar ist. An wen wendet sich nun das besagte Handbuch zum Wandertag? Wie wollen Sie erreichen, dass an vielen Orten Schüler so praktisch an Wind-, Solar- und Bioenergie herangeführt werden?

Das Handbuch wird Anlagenbetreibern und Projektentwicklern eine Idee vermitteln, wie Erneuerbare-Energie-Anlagen als außerschulische Lernorte eingesetzt werden können. Auch anderen Akteuren der Umweltbildung wie Umweltverbände, Lehrer oder auch Eltern kann dieser Leitfaden möglicherweise Anregungen geben. Vor Ort ist der Lerngegenstand mit allen Sinnen erfahrbar, das verschafft oftmals einen tieferen Eindruck und erhöht die Lernmotivation bei Schülern. Gerade in Zeiten der vielzitierten Energiewende sollte es eigentlich zum Standard gehören, dass sich Kinder und Jugendliche mit der Materie auseinandersetzen. Um aber mal in ein Windrad reinschauen zu können oder eine Biogasanlage aus nächster Nähe zu betrachten, braucht man die Unterstützung der Anlagenbetreiber, die die Türen zu den Anlagen aufschließen können und über das nötige Hintergrundwissen verfügen. Wir werden daher die Grundzüge der Wandertage in einem Leitfaden zusammenstellen und bei ausgesuchten Projektentwicklern und Anlagenbetreibern anfragen, in wieweit Interesse an einem solchen Konzept besteht. Bei dieser Gelegenheit wollen wir uns auch einen Überblick verschaffen, ob und wo andernorts ähnliche Aktivitäten bereits im Gange sind.

Was macht Ihr Themenfeld zu einer so wichtigen Säule der Stiftung? Ist der Bedarf an Bildungsmaterialien so hoch, oder muss der Bestand verbessert werden?

Energie spielt in unser aller Leben eine zentrale Rolle – wir alle wollen mobil sein, kommunizieren und konsumieren. Dass Energie in allen Produkten und Dienstleistungen steckt, machen wir uns im Alltag jedoch selten bewusst. Mit einer vornehmlich auf fossilen Brennstoffen beruhenden Energieversorgung ist unser ökologischer Fußabdruck dauerhaft jedoch zu groß. Zudem ist der exzessive Brennstoffverbrauch angesichts endlicher Ressourcen kein globales und schon gar kein zeitloses Konzept. Vor diesem Hintergrund und dem sich verschärfenden Klimawandel müssen die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien stärker im Bildungsbereich aufgegriffen werden, um frühzeitig für die Herausforderungen und Fragen der Energiewende zu sensibilisieren. Nun ist es freilich nicht so, als gäbe es dazu noch keine Angebote. Oftmals wissen Lehrkräfte aber nicht, was schon alles auf dem Markt existiert und wo man Materialien finden kann. Teilweise wird aber auch bemängelt, dass einige Unterrichtmaterialien zu wenig Handlungsorientierung böten und damit heutigen didaktischen Ansprüchen nicht mehr genügten. Von daher sind Verbesserungen im Bestand ebenso möglich.

In a perfect world – welche Rolle würde erneuerbare Energie in der deutschen Bildungslandschaft spielen?

Erneuerbare Energie ist ein Querschnittsthema mit zahlreichen naturwissenschaftlichen und wirtschafts- wie sozialwissenschaftlichen Aspekten und daher bestens für den fächerübergreifenden oder -verbindenden Unterricht geeignet. Die Fragen nach unserer derzeitigen und unserer zukünftigen Energieversorgung, den damit verbundenen Herausforderungen und die Möglichkeiten der erneuerbaren Energien sollen und können meines Erachtens in jeder Schullaufbahn mehrfach aufgegriffen werden und je nach Altersstufe in zunehmenden Maße die Komplexität des Themas berücksichtigen. Während Grundschüler zunächst die Grundzüge und unterschiedlichen Formen der Energiegewinnung kennenlernen, kann sich die Oberstufe etwa mit der Physik der Windenergie, dem Strahlungshaushalt der Erde oder im Politik- oder Sozialkundeunterricht mit den Fragen nach dem Einfluss großer Konzerne auf die Energiepolitik beschäftigen. Viel wichtiger ist aber, dass Lernen und Lebenswirklichkeit nicht auseinanderfallen. So zeigt etwa die Erstellung und Umsetzung eines Energiekonzeptes für die Schule unter Beteiligung der Schüler, dass Eigeninitiative und ein Gegensteuern möglich sind. Gleichzeitig brauchen wir Vorbilder, gerade in Politik und Wirtschaft. Schon in meiner Schulzeit wurde auf die Gefahren des Klimawandels verwiesen, um nach der großen Rede mit der großen und schweren Staatskarosse abzufahren. Diese intellektuelle und moralische Schizophrenie ist alles andere als glaubwürdig und verzögert den Wandel. Ohne valides Wissen und ohne urteils- und handlungsfähige Bürger sind wir den Herausforderungen nicht gewachsen, und um Handlungs- und Denkmuster aufzubrechen, braucht es bekanntlich etwas länger. Von daher lohnt es sich, hiermit schon früh anzufangen.

Peter Glasstetter (36) ist studierter Geograph und Philosoph. Nach einem Ausflug ins Schulleben schlug er den Weg in Richtung außerschulischer Lernort „Erneuerbare-Energie-Anlage“ ein. Zunächst bei der juwi Gruppe und inzwischen für die 100% erneuerbar Stiftung baute er den Bereich Bildung und Lehre aus.