100% im Portrait: Ralf Dunker

Ralf Dunker, Referent Kommunen&Verbände 100% erneuerbar Stiftung

Ketzerisch gefragt – was hab ich davon wenn wir unsere Energieversorgung auf erneuerbare Energie umstellen? Was ist der persönliche Mehrwert der Energiewende?

Ich nehme an, bei den meisten Menschen geht es zunächst einmal um das eigene Portemonnaie: Wir gehen davon aus, dass Strom aus erneuerbaren Quellen mittelfristig billiger sein wird als der Strom aus konventionellen Kraftwerken, weil der ansonsten nun fällige Neubau des konventionellen Kraftwerksparks hohe Investitionen mit sich brächte und sich die Bereitstellung fossiler und nuklearer Brennstoffe durch verstärkte weltweite Nachfrage und Verknappung verteuert. Schon heute sind daher die Preise für echten Ökostrom häufig nicht mehr teurer als die konventionellen Stromprodukte der großen Versorger. Und dann sollten wir uns folgendes klar machen: Geld, das der Stromkunde in Deutschland, in unserer Region oder gar in unserer Gemeinde ausgibt, kehrt im Geldkreislauf über kurz oder lang zu jedem deutschen Stromkunden zurück. Es fließt also nicht ins Ausland ab, so wie es heute noch für Kohle, Öl und Uran üblich ist. Und wir reden über bis zu 100 Milliarden Euro jährlich!

Und, wenn ich darf, noch ein letzter Aspekt, der mir aber fast am wichtigsten ist: Die perspektivische Unabhängigkeit von Energierohstoffen bedeutet mehr Sicherheit vor geopolitischem Hintergrund. Ich bin zuversichtlich, dass wir den dramatischen Konflikt mit dem Fundamentalismus des Mittleren Ostens lösen können – nur lösen können, wenn es uns gelingt, diese Region nicht nur mehr als Selbstbedienungsladen zu betrachten, den man unter Druck 24 Stunden am Tag offen hält. Es wird Zeit, dass wir das Kapitel des Imperialismus endlich schließen und für die Zukunft lernen, das heißt, lernen zu kooperieren.

Bürgerbeteiligung, Dialogangebot, direkte Demokratie – die Begriffe haben Konjunktur. Spätestens seit Stuttgart 21 spüren die Regierungsverantwortlichen bzw. Volksvertreter Wind von Seiten ihrer Wähler. Erleben wir gerade eine Demokratisierung 2.0? Will das Volk mehr Mitspracherecht?

Für einige Themenfelder trifft das ganz bestimmt zu. Ohne die Jahrzehnte lange Bekundung der Ablehnung der Atomenergie seitens eines Großteils der Bevölkerung hätten die Kernschmelzen in Fukushima vermutlich nicht zu einem so dramatischen Schwenk der Brückentechnologiker samt Kanzlerin in Berlin geführt; ohne den Streit um den Stuttgarter Kopfbahnhof wären die Grünen in Baden-Württemberg vermutlich nicht an die Regierung gekommen.

Wir möchten als Stiftung nun herausfinden, wie weit dieser Trend trägt. In den kommenden Monaten werden wir die Bürger in ländlichen Gemeinden auffordern, den Energiewandel selbst zu gestalten, also nicht nur auf Vorschläge von oben zu reagieren. Damit machen wir einen Schritt weiter als die meisten anderen, die von Bürgerbeteiligung sprechen, eigentlich aber bei Bürgerinformation stecken bleiben. Es fällt halt schwer, Entscheidungsgewalt abzugeben und dem Bürger zu vertrauen. Aber überall in der Republik regt sich der Gestaltungswille. Die Gesellschaft muss nun herausfinden, wie viel Gestaltung, wie viel Verantwortung, wie viel Kompetenz übertragbar sind.

 Wenn also möglicherweise Machtmonopole bröckeln – hat das auch Auswirkungen auf vier große Monopolisten, die Energieversorger RWE, E.on, Vattenfall und EnBW?

Selbstredend! In den Neunzigern haben sie die erneuerbaren Energien belächelt. Seit Einführung des Gesetzes für den Vorrang erneuerbarer Energien haben sie die erneuerbaren Energien, insbesondere in deren dezentraler Ausgestaltung, bekämpft. Denn für ein dezentrales System gibt es kein oligopolartiges Geschäftsmodell. Nun, so mein Eindruck, beginnen die großen Versorger, über solche Modelle nachzudenken. Sie stehen mit ihren vergleichsweise trägen Kolossen aber ganz am Anfang und verzögern daher selbst den Einstieg in die zentralistische Offshore-Windenergie, um sich ihren abgeschriebenen Kohle- und Atommeilern keine Konkurrenz zu schaffen. Vermutlich wird sich das Geschäftsfeld der großen Vier zukünftig auf den qualitativen Ausbau und den Betrieb des Übertragungsnetzes konzentrieren.

Das Genehmigungsverfahren für ein neues Kohlekraftwerk dauert Jahre und ist nicht automatisch von Erfolg gekrönt. Wenn ein solches Kraftwerk aber einmal steht, produziert es Strom für bspw. fünf Millionen Menschen. Das Genehmigungsverfahren für einen Windpark kann auch Jahre dauern, im Ergebnis wird er deutlich weniger Strom produzieren. D.h. wir werden in Zukunft, mit 100 Prozent erneuerbare Energie als Zielgröße, viele Genehmigungsverfahren an vielen Orten in Deutschland erleben. Was braucht es für einen schnellen Ausbau und was tut die Stiftung dafür?

Es braucht Verständnis bei möglichst vielen Bürgern für den vor uns liegenden systemischen Wandel. Die zwei Mittel Verständnis zu generieren, sind erstens umfassende Information, so aufbereitet, dass auch ein Laie folgen kann und mag und zweitens Beteiligungsmöglichkeiten, persönliches Profitieren, als Gestalter und als Investor. Ein dezentral umgesetztes Erneuerbare-Energie-System birgt große volkwirtschaftliche Vorteile. Es birgt den einen „Nachteil“: Alle müssen aktiv mitmachen, obwohl der Strom ja auch heute aus der Steckdose kommt. Und um das zu erreichen, muss man sich den Menschen persönlich zuwenden. Die gute Nachricht ist aber, dass wir nicht mit jedem Einzelnen sprechen müssen. Gute Beispiele und gute Argumente verbreiten sich wie Lauffeuer.

Not in my backyard – egal ob es um Windräder, Stromleitungen oder Handymasten geht, wenn es um die eigene Haut geht, verlieren viele Menschen ihren Idealismus. Was sind Ihre oder die Argumente der Stiftung für kleine Energieparks direkt vor der Haustür der Menschen?

Ich glaube,  Menschen, die den Idealismus der Siebziger und Achtziger in sich tragen, sind jetzt vor Ort für erneuerbare Energien aktiv. Aber es stimmt schon, Vielen, denen zwar klar ist, dass wir nicht weitermachen können wie in den vergangenen 160 Jahren, ist noch nicht ausreichend erklärt worden, wie das für Mensch und Natur beste Lösungsmodell aussieht. Deshalb erklären wir bei jeder Gelegenheit, dass der Weg der erneuerbaren Energien alternativlos ist. Dieser Weg kann nur von ganz vielen Menschen mit ganz vielen Solar-, Wind-, Wasser-, Bioenergie- und Geothermie-Projekten gemeinsam beschritten werden. Denn kein großer Konzern ist Willens, seine auf Kohle-, Atom- und Ölressourcen beruhende Marktmacht aufzugeben, bevor nicht der letzte Brocken Kohle verheizt worden ist – was wir am Beispiel unzähliger End-Of-The-Pipe-Technologien wie der Kohlenstoff-Verpressung belegen können. Das aber würde bedeuten, dass nicht rechtzeitig gegen den zusätzlichen anthropogenen Klimawandel gehandelt würde, dass Deutschland nicht rechtzeitig beweisen könnte, wie attraktiv die Erneuerbaren für die Volkswirtschaften der Staatengemeinschaft sind und dass die sich zuspitzende Konkurrenz um Energierohstoffe zu einer weiteren Welle internationaler Konflikte, wie wir sie aus dem 20. Jahrhundert kennen, führen würde.

Daher appellieren wir vor diesem Hintergrund an die Menschen in den ländlichen Räumen. Aber wir nennen auch die unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteile der erneuerbaren Techniken vor Ort: Pacht- und Gewerbesteuer-Einnahmen, die die Gemeinde handlungsfähig und attraktiv machen, Jobs, die geschaffen und erhalten bleiben, weil vor Ort installiert, gebaut und gewartet wird, die Aufgabe des ländlichen Raums, die darin bestehen wird, neben saftigem Schinken und aromatischen Kartoffeln nun auch sauberen Strom in die Städte zu liefern. 100 Prozent reichen da bei weitem nicht aus! Das muss man sich mal vorstellen: Alle ländlichen Räume gemeinsam quasi als „dezentrales Zentrum“ für Innovationen à la Smart Grid und Speichertechnologien.

Und: Jede einzelne erneuerbare Energietechnik vor Ort ist leicht rückholbar, wenn sich der lokal eingeschlagene Weg als Sackgasse erweisen sollte. Es sind wirklich nur Windmühlen, Solartische oder Fermenter, die den Blick des Einen oder Anderen stören mögen, nicht technokratische Monster wie Atommeiler oder Tagebaue, mit ihren dramatischen Langzeit-Konsequenzen für Mensch und Natur. Insofern diskutieren wir z.B. das Landschaftsbild nicht weg; wir rücken es nur in Relation zum großen Nutzen für Alle.

Wie viel Ihrer Erfahrung als ehemaliger Greenpeace-Mitarbeiter fließt in Ihre Arbeit als Referent für Kommunen und Verbände bei der 100% erneuerbar Stiftung? Was hat Sie dazu bewogen, die Stelle bei einem Global Player der grünen Bewegung im Sommer 2009 aufzugeben, um bei einer damals nur lokal bekannten Kampagne zu arbeiten?

Ich glaube, meine Greenpeace-Sozialisation seit Anfang der Neunziger Jahre spielt heute eine ganz wichtige Rolle für meine Tätigkeit, obwohl es mir schwer fällt, dies auf einzelne erworbene Kompetenzen herunter zu brechen. Ich weiß natürlich noch, wie lokale Umweltschützer ticken. Und ich schätze sie, weil sie sehr wichtige Güter für uns alle erhalten und sehr früh Bürgerwillen artikuliert haben. Daher wünsche ich mir eine enge Vernetzung mit den Verbänden. Und ich hoffe, wir finden einen Weg, unsere Informationen aus Berlin bis auf die lokale Ebene in Oberfranken zu transportieren.

Greenpeace hat mich in meiner konsumkritischen Haltung bestärkt und viele gute Argumente geliefert, auf denen meine heutige Haltung gründet. Aber nach fast 15 Jahren als Ehrenämtler, gewerblich Beschäftigter und Mitarbeiter im Hamburger Büro, wollte ich nicht länger so tun, als müssten nur einzelne Aspekte, einzelne Missstände unseres Gesellschaftsentwurfs korrigiert werden. Nicht das Kohlekraftwerk ist das eigentliche Problem; nicht die Windenergieanlage ist die Lösung. Das zentralistische Energieversorgungs-System mit seinem Beharrungsvermögen, mit seiner Kapitalkonzentration, bedroht unsere erfolgreiche Anpassung oder zögert sie hinaus, bis es wehtut. Die dezentrale Implementierung erneuerbarer Energien in all ihren Ansätzen in den Händen sehr vieler Menschen ist die Vision, die mich fasziniert. Hier ging mir Greenpeace nicht weit genug. Dass man dort Desertec nicht kategorisch ausschließt, dass dort gesellschaftliche Veränderung nur am Rande eine Rolle spielt, dass zähe Klimakonferenzen mehr Gewicht hatten als die hier sofort einsatzbereiten Erneuerbaren, hat dazu geführt, mich mal nach etwas Anderem umzuschauen.

Und dann hörte ich von dem Unternehmen juwi, das eine echte Öffentlichkeitsarbeit für erneuerbare Energien aufbauen wollte. Ich dachte: Mal schauen, wie ernst die es da meinen. Und nun bin ich Einer von ganz Wenigen, die eine echte operative Stiftung aufbauen, die die Welt verändern will. Ich glaube, mehr muss ich dazu nicht sagen, oder!?

Ralf Dunker (43) kam 2009 zur Kampagne 100% erneuerbar innerhalb der Unternehmenskommunikation der juwi Gruppe. Er ist heute Ansprechpartner für Kommunen und Verbände der 100% erneuerbar Stiftung. Er studierte in Hamburg Sinologie, Politikwissenschaften und Geschichte. Seit dem Grundstudium engagierte er sich als ehrenamtlicher Referent für Umweltthemen in Schulen und Vereinen seiner Heimatstadt Hamburg und war Aktivist, später auch hauptamtlicher Mitarbeiter, bei Greenpeace Deutschland, wo er bis 2009 als Assistent im Bereich Biodiversität tätig war.