100% im Portrait: René Mono

René Mono, Geschäftsführer 100% erneuerbar Stiftung

René Mono – Sie sind seit dem 1. Juli Geschäftsführer der 100% erneuerbar Stiftung in Berlin und damit gleich in einer heißen Phase, nämlich der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), angetreten. Rückblickend gesehen – wie interpretieren Sie die Vorschläge der Bundesregierung in Bezug auf die allseits angestrebte Energiewende?

Positiv ist das grundsätzliche Bekenntnis zu einer rein regenerativen Energieversorgung. Dahinter steht allerdings kein klares Bild für das Energiesystem der Zukunft. Deswegen wurde beispielsweise bei der Novelle des EEG, aber auch des EnWG (Energiewirtschaftsgesetz, Anm. d. Redaktion) ein gravierender Fehler gemacht. Konzeptionell wird immer noch die zentralistische Energieerzeugung an wenigen Orten bevorzugt, beispielsweise an Offshore-Windstandorten. Dies ist volkswirtschaftlich unsinnig.

Welche Position hat die Stiftung vertreten?

Wir treten für ein regeneratives Energiesystem ein, das kostengünstig ist, die regionale Wirtschaft fördert, wesentlich zu Klima-, Umwelt- und Naturschutz beiträgt, eine maximale Versorgungs-  und Erzeugungssicherheit bietet und das der Bürger als Eigentümer, Produzent und Konsument maßgeblich selbst gestaltet. Ein solches Modell bringt aus unserer Sicht solch große volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile, dass wir die Energiewende schnellstmöglich in diese Richtung lenken sollten. Das haben wir so auch kommuniziert.

Wie waren die Reaktionen von Seiten der Branche? Gerade im Offshore-Zweig dürfte es Widerworte gegeben haben – wie begegnen Sie diesen?

Indem wir mit guten Argumenten für unser Modell werben. Wir haben das Modell nicht nach betriebswirtschaftlichen Überlegungen entwickelt, sondern uns von der volkswirtschaftlichen Logik leiten lassen. Dass das Geschäftsmodell von Unternehmen, die sich an der tradierten Vorstellung eines zentralistischen Energieversorgungssystem orientieren, nicht in diese Logik passt, steht auf einem anderen Blatt.

Nach fast 100 Tagen Amtszeit als Geschäftsführer können Sie uns sicherlich sagen, wohin die Reise der Stiftung gehen wird. Was sind die Aufgabenfelder der Stiftung, welche Themen wollen Sie bearbeiten und wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Die Energiewende ist eine epochale Aufgabe. Sie wird nur gelingen, wenn wir in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft die entsprechenden Voraussetzungen schaffen.

Dafür ist erstens ein gesellschaftliches Bewusstsein und Grundlagenwissen über den Kontext der Energiewende notwendig. Dies wollen wir in Bildungsprojekten vermitteln.

Zweitens brauchen wir noch mehr spezialisiertes Expertenwissen, um die richtigen Weichenstellungen vornehmen zu können. Hierfür suchen wir Kooperationen mit der Wissenschaft.

Drittens wollen wir die politische Öffentlichkeit aufklären über das große Potenzial unseres Energiemodells. Dafür treten wir in Dialog zu Politik und gesellschaftlichen Multiplikatoren.

Viertens verstehen wir die Energiewende nicht nur als Top down-Prozess. Vielmehr muss unserer Auffassung nach die Energiewende auf lokaler Ebene gestaltet werden, und zwar unter Einbezug der Bürger. Dies fördern wir in Modellregionen.

Wie ist die Verlagerung des Hauptsitzes von Wörrstadt (Geburtstort der Kampagne 100% erneuerbar und Firmensitz der juwi Gruppe) nach Berlin zu werten – raus aus der Provinz und rein in das politische Herz? Oder anders gefragt: Warum braucht es eine weitere Organisation im Regierungsviertel, die sich für den Ausbau erneuerbare Energie einsetzt? Haben wir mit den Branchenverbänden wie Bundesverband Erneuerbare Energie oder dem Bundesverband WindEnergie nicht ausreichend Interessensvertreter?

Die Branchenverbände haben die Aufgabe, die Partikularinteressen der Unternehmen, die sie vertreten, in den politischen Prozess einzubringen. Wir verfolgen einen anderen Ansatz – uns geht es um das Allgemeininteresse. Wir setzen uns dafür ein, dass der gesellschaftliche Nutzen bei der Gestaltung der Energiewende maximiert wird. Die Branchenverbände müssen hingegen den betriebswirtschaftlichen Nutzen ihrer Mitgliedsunternehmen im Auge haben. In Berlin sitzen wir quasi Tür an Tür mit ihnen und vielen anderen Einrichtungen des Energiesektors, weil hier die Weichenstellungen für die Energie der Zukunft in unserem Land vorgenommen werden.

Die Stiftung gibt es seit Juli 2010. Davor jedoch war 100% erneuerbar eine unternehmensfinanzierte Kampagne und es gibt noch einen gemeinnützigen Verein. Hinter der Initiative, um die verschiedenen Formen zusammenzufassen, steht juwi, ein Projektentwickler für Erneuerbare-Energie-Anlagen. Ist die Stiftung der eigenfinanzierte Lobbyverband des Unternehmens? Wo hört juwi auf und fängt die Stiftung an? Und wie ist die Aufgabenverteilung zwischen Stiftung und Verein?

Die Gründer und Mitglieder des Vorstands von juwi, Fred Jung und Matthias Willenbacher, haben auch die 100% erneuerbar Stiftung ins Leben gerufen. Mit juwi verbindet uns die gemeinsame Vision für die Energie der Zukunft. Diese Vision möchten Matthias Willenbacher und Fred Jung mit juwi betrieblich und mit der 100% erneuerbar Stiftung gesellschaftlich verwirklichen. Dies ist das wesentliche Trennkriterium zwischen juwi und der Stiftung. Wir sind dem Gemeinnutzen verpflichtet und können uns daher nicht um die Vertretung der betrieblichen Interessen von juwi kümmern. Dies ist auch nicht nötig, denn juwi hat ein eigenes Büro in Berlin und ist auch in den Branchenverbänden präsent. Gleichwohl – die gemeinsame Vision bedeutet auch, dass juwi davon profitiert, wenn wir als Stiftung mit dem Werben für unser Energiemodell erfolgreich sind. Allerdings ist dies kein exklusiver Profit für juwi, sondern er erstreckt sich auf alle Unternehmen, die in ihrem Geschäftsmodell das große Potenzial der Energiewende verwirklichen.

Ein Wort noch zum Verein – er steht allen Privatpersonen offen, die sich für die Energiewende einsetzen wollen. Die Stiftung ist hingegen auf institutionelle Partnerschaften ausgerichtet.

2007, als die Kampagne, damals noch unter dem Namen „Grenzen durchbrechen“, ins Leben gerufen wurde, war die Forderung nach 100 Prozent erneuerbare Energie eine pure Provokation. Heute erscheint es wie Mainstream, ein alter Hut. Natürlich haben wir mit derzeit rund 20 Prozent Erneuerbare-Energie-Anteil am Stromverbrauch das Ziel einer Vollversorgung noch nicht erreicht. Jedoch sind sich eigentlich alle einig – es ist zu schaffen und Deutschland will das auch. Das enfant terrible ist nun Musterschüler. Wie wirkt sich das auf die Stiftungsarbeit aus?

Ob wir wirklich enfant terrible waren, will ich nicht beurteilen. Wahr ist, dass wir uns nicht scheuen, unsere Vorstellungen stringent zu beschreiben und pointiert zu kommunizieren. Das war zu Anfangszeiten so, als wir früher als viele anderen für das Ziel einer vollkommen regenerativen Energieversorgung eintraten. Das gilt aber auch heute noch; denn selbst wenn wir mit dem Ziel „100% erneuerbar“ jetzt eher im Zeitgeist liegen, ist noch längst nicht ausgemacht, dass wir dieses Ziel auf kluge Art und Weise erreichen. Dafür treten wir weiterhin ein; wenn es sein muss, so spitz und provokant wie wir schon 2007 aufgetreten sind.

Wann denken Sie wird die Stiftung aufgrund des Erreichen des Stiftungszwecks, 100% erneuerbare Energie in Deutschland, aufgelöst werden?

Es ist ja die Natur einer Stiftung, dass sie auf Ewigkeit angelegt ist. Dies ist auch gut so. Selbst wenn wir in Deutschland und in Europa 100% erneuerbare Energie erreicht haben, bleibt außerhalb Europas viel zu tun. Es ist vollkommen einsichtig, dass eine dezentrale regenerative Energieerzeugung der Schlüssel zu der nachhaltigen, dekarbonisierten Entwicklung vieler Länder auf der Südhalbkugel und in anderen unterentwickelten Regionen unserer Erde ist. Auch wenn wir in diesem Bereich über vereinzelte Spendenprojekte hinaus noch nicht aktiv engagiert sind, behalten wir ihn im Hinterhopf und sehen hier die nächste Zukunftsaufgabe der Stiftung, sobald es die Situation in Deutschland und Europa zulässt.

René Mono (35) ist seit 1. Juli 2011 Geschäftsführer der 100% erneuerbar Stiftung mit Sitz in Berlin. Der studierte und promovierte Kommunikationswissenschaftler war zuvor sieben Jahre bei Ketchum Pleon. Dort leitete er zuletzt den Brüsseler Public Affairs-Standort und die globale Energie-Practice der Gruppe. Für die 100% erneuerbar Stiftung baut er unter anderem die Bereiche politische Kommunikation, wissenschaftliche Kooperationen, Bildungsprojekte und kommunale Partnerschaften aus.