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100% im Portrait: Stefan Haug
Stefan Haug, Sie sind das neueste Mitglied im Stab der 100% erneuerbar Stiftung, und dort als Research Assistant angestellt. Wo sehen Sie den Hauptbedarf an Forschung und Wissenschaft? Sind es vorrangig technische Fragen (Netze, Speicher etc.), die zu klären sind, sind es gesellschaftliche (Akzeptanz, Beteiligung etc.) oder politische (Rahmenbedingungen, Laufzeiten etc.)?
Die drei Gebiete lassen sich nur schwer in einer Prioritätenliste anordnen. In allen drei Bereichen besteht erheblicher Veränderungs- bzw. Verbesserungsbedarf. Somit besteht auch in allen drei Bereichen Bedarf für eine Versorgung mit wissenschaftlichen Fakten, Analysen und Lösungsvorschlägen, welche als Grundlage für gute Entscheidungen unentbehrlich sind.
Im Bereich „Technik“ muss u.a. die Frage beantwortet werden, wie das bislang zentralistisch organisierte Energieversorgungssystem so umgestellt werden kann, dass mit dezentralen und unstetig einspeisenden regenerativen Energieanlagen eine sichere Stromversorgung realisiert werden kann. Eine Antwort hierauf gibt unser Positionspapier zur Netzintegration.
Im Bereich „Gesellschaft“ gilt es die Frage zu klären, wie den Bürgern die Energiewende nahe gebracht werden kann und wie ihre Unterstützung für dieses Projekt zu gewinnen ist. Wichtige Schlagwörter sind hier Informationsvermittlung, Einbindung in Planungs- und Entscheidungsprozesse sowie finanzielle Beteiligung. Zu dieser Thematik bereitet die Stiftung derzeit eine Kommunaltour vor, die Bürgerbeteiligung vor Ort fördern und erproben will.
Im Bereich „Politik“ gilt es den passenden rechtlichen Rahmen zu setzen, damit die Energiewende schnell, umweltschonend und kostengünstig erfolgen kann. Als Stiftung haben wir einen Reformvorschlag für das derzeitige Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) entwickelt.
Dieses alternative Vergütungsmodell hat die 100% erneuerbar Stiftung im Juni 2011 veröffentlicht – vom Reiner Lemoine Institut wurde es anschließend evaluiert. In aller Kürze: was sind die wichtigsten Maßnahmen und was wären die Folgen, wenn der Gesetzgeber Ihrem Modell folgen würde?
Das Reformmodell unserer Stiftung sieht vor, die Vergütungen für Erneuerbare-Energie-Anlagen zu senken und dafür den Vergütungszeitraum zu verlängern. Hierdurch kann die Preisdifferenz zwischen EEG-Vergütung und Börsenstrompreis wirkungsvoll gesenkt werden, was wiederum die volkswirtschaftlichen Kosten der Energiewende minimiert. Zudem soll im Windenergiebereich die teure Offshore-Windkraft durch die kostengünstigere Onshore-Windkraft ersetzt werden. Insgesamt lassen sich so zwischen 2012 und 2020 im Vergleich mit dem Förderungskonzept der Bundesregierung über zehn Milliarden Euro einsparen.
Bekanntermaßen ist die 100% erneuerbar Stiftung nicht die einzige Initiative, die nicht nur 100 Prozent erneuerbare Energie fordert sondern auch zeitnah für möglich hält. Worin unterscheidet sich Ihr Weg, Ihr Vorschlag von denen der anderen?
Unsere Stiftung verfolgt nicht nur das Ziel einer vollständig regenerativen Stromversorgung, sondern legt ein besonderes Augenmerk darauf, wie dieses Ziel erreicht wird. Wir fordern eine Energiewende die schnell, effizient und sicher erreichbar ist, umweltverträglich und bürgernah ausgestaltet wird und dabei die lokale Wirtschaft ankurbelt. Entsprechend befürwortet die Stiftung nicht alle verfügbaren Wege, die in ein regeneratives Zeitalter führen, sondern nur diejenigen, die zur Umsetzung unserer Prämissen beitragen. So treten wir beispielsweise nicht für regenerative Großkraftwerke wie Desetec ein, sondern für einen dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien. Außerdem wollen wir die Stromversorgung regional über intelligente Netze organisieren statt sie überregional über den massiven Ausbau von Hochspannungsleitungen sicherzustellen.
Sie waren als Student beim Bundesverband WindEnergie und in Brüssel bei der European Wind Energy Association beschäftigt. Windkraft in all ihren Facetten ist Ihnen also wohl vertraut. Sicherlich auch Vorbehalte in puncto Tierschutz, Landschaftspflege, Gesundheit usw. Können Sie diese Vorurteile widerlegen? Was würden Sie einer Bürgerinitiative gegen ein Windparkprojekt antworten?
Soweit ich informiert bin sind keine gesundheitsschädlichen Wirkungen durch Windkraftanlagen belegt; die Emissionen sind wohl einfach zu gering. Jedoch empfinden Anwohner in unmittelbarer Nähe von Anlagen den Schall- und Schattenwurf sowie die nächtliche Befeuerung bisweilen als belastend. Aber – und das würde ich den Gegnern von Windkraftanlagen antworten –man muss sich bei der Diskussion um die Windenergie stets die Alternativen vor Augen halten, nämlich große, konventionelle Kraftwerke und Klimawandel. Beide beinträchtigen das Landschaftsbild und unsere Lebensweise und Gesundheit wesentlich mehr als Windkraftanlagen. Nichtsdestotrotz muss beim Ausbau von Windkraftanlagen der Anwohnerschutz berücksichtigt werden, deshalb sind ja auch gesetzliche Mindestabstände zu Gebäuden vorgeschrieben.
Bleiben wir bei Kritik gegenüber erneuerbarer Energie. In Ihrem Modell wird die Freiflächen-Photovoltaik, also Solaranlagen, die nicht auf einem Dach installiert sind sondern bspw. auf Industriebrachen, ehemaligen militärischen Nutzgeländen oder auch Ackerflächen, als „Billigmacher“ propagiert. Ackerflächen werden im aktuellen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nicht mehr mit Einspeisevergütungen versehen. Können Sie uns erklären, warum wir Freiflächen für die Energiewende benötigen und warum dennoch manche dagegen sind?
Drei zentrale Punkte sprechen für Freiflächen. Erstens der Kostenvorteil: Solarstrom aus Freiflächenanlagen kann im Vergleich zu Strom aus Dachanlagen wesentlich günstiger produziert werden. Somit lassen sich die volkswirtschaftlichen Kosten der Energiewende begrenzen. Zweitens der soziale Aspekt: Mieter können keine Dachanlagen bauen und können somit auch nicht von den langfristigen preislichen Vorteilen des Solarstrom-Eigenverbrauchs profitieren. Freiflächenanlagen, an denen sich Bürger über Genossenschaftsmodelle beteiligen können, bieten hier eine gangbare Alternative. Drittens der quantitative Vorteil: Mit große Freiflächenanlagen kann die installierte Solar-Leistung rasch erhöht werden, was wiederum die Energiewende beschleunigt. Verfolgt man die Diskussion um den Klimawandel so wird klar, dass eine zügige Umstellung der Energieversorgung unerlässlich ist, falls größere Folgeschäden vermieden werden sollen.
Trotz dieser Vorzüge rufen Freiflächenanlagen auch Protest hervor: Weil sie ein stärkeren Eingriff in das Landschaftsbild darstellen als Dachanlagen, weil Störungen von Flora und Fauna befürchtet werden und weil mit eine Beeinträchtigung des Tourismus gerechnet wird. Hier gilt es mit den Menschen in Dialog zu treten und sich über die Vor- und Nachteile von Freiflächenanlagen zu verständigen um so schließlich zu einem sinnvollen Ausgleich der Interessen zu gelangen.
Für den Blog der 100% erneuerbar Stiftung schreiben Sie hin und wieder auch Artikel und bekommen Reaktionen auf Ihre Statements und Hintergrundinformationen. Lassen sich diese zusammenfassen? Was wird debattiert, was wird hinterfragt, und was ist Ihre Meinung dazu?
An den zahlreichen Beiträgen kann man ablesen, dass sich wirklich viele Leute für die Energieversorgung in Deutschland und deren Auswirkungen auf Menschen, Wirtschaft und Natur interessieren. In den Kommentaren wird immer wieder deutlich, dass Menschen von der Kurzsichtigkeit politischer und unternehmerischer Entscheidungen irritiert oder sogar frustriert sind. Das kann ich persönlich gut nachvollziehen. Denn auch mich ärgert die Erkenntnis, dass das Konzept der Nachhaltigkeit zwar allgemein als notwendig und gut anerkannt ist, dass aber Einzelentscheidungen doch immer wieder die Aspekte Profitmaximierung und Machtinteresse geprägt werden.
Auf der anderen Seite veröffentlichen wir natürlich auch ganz viele Berichte über positive Entwicklungen. Hier bin ich immer wieder erstaunt, wie viele kreative Ansätze es zur Nutzung regenerativer Energien gibt und was bereits heute möglich ist. Das macht mich neugierig darauf, wie unser zukünftiges Energiesystem aussehen wird. Die Entwicklung bleibt spannend!
Stefan Haug (29) ist studierter Verwaltungswissenschaftler. Nach einem Praktikum bei einem Windenergie-Planungsunternehmen war seine Begeisterung für regenerative Energien geweckt. Es folgten weitere Praktika in der Erneuerbare-Energien-Branche und eine sechsmonatiger Arbeitsaufenthalt bei der European Wind Energy Association in Brüssel. Seit September 2011 ist er bei der 100% erneuerbar Stiftung als Research Assistant tätig und arbeitet dort in den Bereichen Wissenschaft und Bildung.




