Die Energy Roadmap 2050 – Ein Masterplan für die Dekarbonisierung der europäischen Energieversorgung?

Die Energy Roadmap 2050

Die Europäische Union ist übereingekommen ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 -95 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Um zu klären, wie dieses Ziel erreicht werden kann, hat die EU-Kommission verschiedene Roadmaps erstellt. Heute wurde die „Energy Roadmap 2050“ verabschiedet. Diese Roadmap möchte einen Weg aufzeigen, wie das Dekarbonisierungsziel der EU erreicht werden kann, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Die Roadmap versteht sich dabei als Orientierungsrahmen an dem die vielfältigen Entscheidungen ausgerichtet werden können, die künftig gefällt werden müssen (politisch wie wirtschaftlich) um die Reduktionsziele zu erreichen.

 

Schlussfolgerungen und Empfehlungen der Roadmap

Grundlage der Roadmap sind sieben Energie-Szenarien, die unterschiedliche Energieversorgungsmöglichkeiten abbilden. Aus der Gesamtbetrachtung der Szenarien leitet die EU-Kommission in ihrer Roadmap verschiedene Schlussfolgerungen für die zukünftige Energieversorgung in Europa ab, so unter anderem:

Wachsende Bedeutung der Elektrizität: Alle Szenarien kommen zu dem Schluss, dass der Elektrizität als Energieform eine wachsende Bedeutung zukommt und sich ihr Anteil am Endenergieverbrauch bis 2050 nahezu verdoppeln wird. So soll Strom beispielsweise verstärkt im Mobilitätssektor und im Bereich Heizen/Kühlen verwendet werden. – Vor diesem Hintergrund kommt der Dekarbonisierung der Stromproduktion eine zentrale Bedeutung zu.

Wechsel zu regenerativen Energien: Alle Szenarien zeigen, dass erneuerbare Energien 2050 den Großteil der Energieversorgung übernehmen. „ Die erneuerbaren Energien werden in Europa ins Zentrum des Energiemixes rücken (…).“ Alle Dekarbonisierungsszenarien gehen von einem Erneuerbaren-Anteil von ungefähr 30 Prozent am Endenergieverbrauch bis 2030 aus.  Für 2050 wird je nach Szenario ein Anteil von 55 bis 97 Prozent prognostiziert. Zum Vergleich: Heute beträgt der Erneuerbaren-Anteil zehn Prozent.

Die Roadmap zeigt jedoch nicht auf, wie genau die regenerative Energieversorgung in 40 Jahren aussehen soll. Vielmehr präsentiert die Kommission ein buntes Potpourri an Gestaltungsansätzen. So sollen sowohl die Übertragungsnetze ausgebaut, die Speicherkapazitäten verstärkt und auch smart-grids vor Ort eingerichtet werden. Bei der Energieproduktion selbst soll sowohl auf dezentrale Energieproduktion in der Fläche als auch auf zentralistische Erzeugungsstrukturen wie Offshorewindparks und sogar auf den Import von regenerativem Strom aus Ländern außerhalb von Europa (vgl. Desertec) gesetzt werden. Diese Aussagen skizzieren keinen zentralen Entwicklungsweg. Die Orientierungsfunktion der Roadmap ist somit nur bedingt gegeben.

Als zentrale Herausforderung identifiziert die Kommission die Kostensenkung in der regenerativen Stromproduktion. Aber auch hier bleiben die vorgeschlagenen Handlungsansätze schwammig. So soll die Forschung verstärkt, die Industrialisierung der gesamten Wertschöpfungskette vorangetrieben, die Marktintegration verstärkt und die politische sowie finanzielle Förderung effizienter gestaltet werden.

Neugestaltung der Energiemärkte:
Ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien stellt auch das bisherige Energiemarktsystem vor Herausforderungen. So wird regenerativer Strom, der auf dem Energiemarkt angeboten wird, zunehmend zu einer Senkung des Marktpreises führen. Grund hierfür ist, dass die regenerative Stromproduktion sehr niedrige Grenzkosten (u.U. Grenzkosten von Null) hat und damit den Strommarktpreis nach unten drückt. Dies wird wiederum zum Problem für den wirtschaftlichen Betrieb aller Energieerzeugungsanlagen, da mit den sinkenden Preisen auch die Möglichkeit sinkt die Errichtungs- und Betriebskosten zu erwirtschaften. – Auch hier bietet die Kommission leider keinen ausgearbeiteten Lösungsvorschlag an, sondern stellt nur in Aussicht künftig verschiedene Marktmodelle untersuchen zu wollen.

Mobilisierung von Investitionen:

Bis 2050 stehen erhebliche Investitionen im Energiesektor an. Zum einen da bestehende Infrastruktur und Erzeugungsanlagen überaltert sind und ersetze werden müssen, zum anderen da neue, klimafreundliche Erzeugungskapazitäten aufgebaut werden sollen. Die augenblickliche Unsicherheit über die künftige Entwicklung der Energieversorgung wird die Geschwindigkeit dieses Investitionsprozesses verlangsamen und seine Kosten erhöhen (durch Risikoaufschläge). So richtig diese Feststellung ist, so unbefriedigend bleiben die Lösungsvorschläge der Kommission: Sie schlägt eine Investitionslenkung über die Gestaltung der Preise für Emissionszertifikate vor; die Bereitstellung von Investitionskapital über öffentliche Finanzinstitutionen um so einen Kapitalmangel zu verhindern; sowie die Subventionierung klimafreundlicher Technologien. Dabei sollen die Subventionssysteme nach Aussage der Kommission zunehmend effizienter ausgestaltet werden. – Diese Vorschläge sind allesamt nicht eben neu.

Fossile und atomare Energiegewinnung:

Neben den erneuerbaren Energien soll auch die Atomkraft als CO²-arme Technologie einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung Europas leisten. Ihr Anteil soll maximal 18 Prozent betragen (im delayed-CCS-scenario).

Auch die CCS Technologie (Carbon Capture and Storage) soll – so sie denn zur Marktreife gelangt – die Dekarbonisierung unterstützen. Mit Hilfe von CCS könnte auch die Kohle zur „klimafreundlichen“ Energieproduktion beitragen. Obwohl Kohle und Öl im Energiemix enthalten bleiben sollen, sollen sie zunehmend durch regenerative Energien und Gas ersetzt werden. Dem Gas als verhältnismäßig CO²-arme fossile Energieform misst die Roadmap eine große Bedeutung im künftigen Energiemix bei.

 

Fazit:

Insgesamt fällt die Roadmap erstaunlich unkonkret aus. Dies dürfte die beabsichtigte Lenkungswirkung dieses Papieres herabsetzen. Weiterhin sind die aufgelisteten Lösungsansätze des Papieres wenig innovativ und zu großen Teilen schon bekannt (was jedoch nicht bedeuten muss, dass sie nicht sinnvoll sind). Insgesamt kann dem Papier aber zu Gute gehalten werden, dass es viele wichtige Aufgaben bei der Neugestaltung der Energieversorgung anspricht (u.a. Energiemarktdesign und Investitionsanreize).

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) bemängelt, dass die Roadmap das Potential erneuerbarer Energien sowohl für 2030 als auch für 2050 unterschätze. Demgegenüber würden die Kosten der regenerativen Energien im Vergleich zur fossilen Energiegewinnung zu hoch berechnet. (Diese Ansicht teilt interessanter Weise auch das Umweltminstierium; siehe unten.) Die Forderung nach einer Reform des Energiebinnenmarktes unterstützt der BEE. Es könne dabei aber nicht darum gehen die Erneuerbaren an einen Markt anzupassen, der für fossile Energien konzipiert wurde. Stattdessen müssen das bestehende System ernsthaft transformiert werden.

Bundesumweltminister Röttgen hingegen betont, dass die Ergebnisse der Roadmap die Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien bestätigen:  „Die vorgelegten Energieszenarien zeigen (…), dass der Umstieg auch unterökonomischen Gesichtspunkten sinnvoll ist. Der stärkere Einstieg in die erneuerbare Energieversorgung ist keineswegs teurer als eine Energiestrategie, die auf höhere Anteile der konventionellen Energien baut. Die Gesamtkosten des Energiesystems liegen in allen Szenariengünstiger, als wenn wir so weitermachen würden als bisher. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind die Schlüssel für eine sichere und bezahlbare Versorgung und einen wirksamen Klimaschutz.“