Aktuelle Stromknappheit in Frankreich zeigt die Grenzen des klassischen Grundlastkonzeptes in der Stromversorgung auf

 

Als Deutschland nach Fukushima den Atomausstieg beschloss, wurde dies im Nachbarland Frankreich belächelt. Insbesondere für die kalten Wintermonate, in denen der Stromverbrauch klassischer Weise besonders hoch ist, wurden Stromengpässe in Deutschland vorhergesagt. (Nebenbei bemerkt wurden diese Prognosen auch von großen deutschen Stromkonzernen verbreitet.) In den letzten Tagen ist interessanter Weise genau die gegenteilige Situation eingetreten: Frankreich mit seiner hohen Atomkraftquote sieht sich mit einem massiven Stromengpass konfrontiert und muss Strom aus dem Nachbarland Deutschland importieren. Diese Situation zeigt die Grenzen des klassisch grundlastorientierten französischen Stromsystems auf.

Die Grundlast bezeichnet den Stromverbrauch eines Landes, der während eines durchschnittlichen Tages nicht unterschritten wird. Diese Grundlast wird klassischer Weise mit Kraftwerken gedeckt, die aus betriebswirtschaftlichen und technischen Gründen möglichst ununterbrochen betrieben werden (müssen), also Atomkraft- oder Braunkohlekraftwerke. Der starke Ausbau der Kernenergie in Frankreich (Anteil an der Stromversorgung knapp 80 %) führte zu einem entsprechend großen Grundlastangebot, das auch verbraucht werden muss. Vor diesem Hintergrund fanden beispielsweise Elektroheizungen eine starke Verbreitung, im Gegensatz zur Wärmedämmung im Immobilienbereich, die – zumindest im Süden des Landes- nicht eben üblich ist. Ausgehend von einem üppigen, beliebig vorhandenen konventionellen Stromangebot wurden die Themen Effizienzsteigerung, Stromeinsparen und Nachfragesteuerung unzureichend thematisiert.

Diese Situation rächt sich dieser Tage, in denen die Stromnachfrage auf Grund der kalten Witterung massiv angestiegen ist. Vor allem in den Abendstunden, wenn die Menschen nach Hause kommen und in großer Zahl ihre Stromheizungen in Betrieb nehmen, steigt der Stromverbrauch sehr stark an. In den vergangenen Tagen verbrauchte Frankreich, in dem 15 Millionen Menschen weniger leben als in Deutschland, etwa doppelt so viel Strom wie der deutsche Nachbar. Die Verbrauchsspitzen liegt dabei seit Wochenbeginn wiederholt bei 100.000 Megawatt. Dieser Verbrauch, welcher der Leistung von über 80 Atomkraftwerken mit einer Leistung von 1.200 Megawatt entspricht, kann von den derzeit laufenden 55 französischen AKWs jedoch nicht mehr gedeckt werden. In der Folge muss Frankreich Strom importieren. In einigen Regionen wurde von den Netzbetreibern die höchste Warnstufe ausgerufen und die Bevölkerung aufgerufen, möglichst viel Strom zu sparen. „Polizisten gehen in diesen Regionen durch die Straßen und bitten Ladenbesitzer, die Beleuchtung der Schaufenster abzuschalten. Auf die typische Beleuchtung von Kirchen und Rathäusern wird derzeit oft verzichtet.“ so telepolis. Auch die französische Umweltministerin hat im Radio zum Stromsparen aufgerufen. Bereits 2009 herrschte im Winter eine ähnliche Situation, weshalb damals sogar die Beleuchtung des Eifelturmes abgeschaltet wurde. Neben einer fragilen Stromversorgung macht sich die Stromknappheit jedoch auch an der Börse bemerkbar. „Der Preis für kurzfristige Lieferungen schoss in Frankreich auf rund 360 Euro pro Megawattstunde hoch. Das Normalniveau liegt bei 50 Euro. Auch in Deutschland stieg der Börsenpreis, allerdings nur auf rund 76 Euro.“ so die Financial Times Deutschland

In Deutschland hingegen herrschte in den letzten Tagen sogar eine Stromüberproduktion, so dass täglich netto 150.000 bis 170.000 Megawattstunden Strom exportiert wurde. Grund hierfür war unter anderem die hohe Stromproduktion aus regenerativen Quellen: Bei strahlendem Sonnenschein und gleichzeitig guten Windverhältnissen konnten die regenerativen Energien die Stromversorgung entscheidend stützen. „Wir hatten in den letzten Tagen eine Kapazität von bis zu 10.000 Megawatt an Sonnenstrom, das entspricht der Leistung von rund zehn Kernkraftwerken, und bis zu 11.000 Megawatt Windstrom“ sagte Umweltminister Röttgen (CDU) den „Nürnberger Nachrichten“. Damit habe die Energiewende den ersten Härtetest bestanden, verkündete der Minister am Mittwoch im Bundestag. Dass Deutschland am Mittwoch dann doch seine Kaltreserve-Kraftwerke anfahren hatte, liegt zum einen an der reduzierten Einspeisung aus Solar- und Windkraft, aber auch an den aktuellen Stromexporten nach Frankreich, Tschechien und Polen. So wurden die 720 Megawatt aktivierter Kaltreserve von den 3000 Megawatt, die am Mittwoch nach Frankreich exportiert wurden, mehr als übertroffen. Die Aktivierung der Kaltreserven wurde vom Netzbetreiber Tennet, ebenso wie die Bundesnetzagentur jedoch lediglich als Vorbeugemaßnahme bezeichnet.