Lösungen statt Probleme: Regionale Strom-Direktvermarktung in Mittelfranken – das neue Projekt der 100 prozent erneuerbar stiftung

Während in Berlin und in Brüssel weitgehende Ratlosigkeit über das Design des Energiemarktes nach der Energiewende herrscht, werden regional längst die nächsten Schritte unternommen.

So könnte man das jüngste Projekt der 100 prozent erneuerbar stiftung im Bereich „lokale Netze“ überschreiben. Für den mittelfränkischen Landkreis „Weißenburg-Gunzenhausen“ werden wir ein Konzept für eine regionale Direktvermarktung von erneuerbarem Strom entwickeln.

Die Menge des im Landkreis regenerativ erzeugten Stroms entspricht bereits heute über 80 Prozent dessen, was vor Ort verbraucht wird. Und zahlreiche Potenziale, insbesondere vielversprechende Windstandorte, sind noch gar nicht erschlossen.

Nun wollen wir dafür sorgen, dass der Strom auch vor Ort genutzt wird, anstatt ihn wahllos in das deutsche Stromnetz abzuleiten. Auch die nicht-monetären Vorteile dieser Strategie liegen auf der Hand:

• Die Bürger erhalten ihre elektrische Energie aus Anlagen, die in ihrer Umgebung entstehen. Wir führen vor Augen, dass hierfür Technik benötigt wird und ein Zusammenhang zwischen Anlagenanzahl und Stromverbrauch besteht.

• Die Anzahl technischer Anlagen rückt also in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Strombedarf in räumlicher Nähe. Je besser Einsparpotenziale und Effizienztechniken genutzt werden, desto weniger Anlagen müssen vor Ort errichtet werden.

• Das Prinzip lautet von nun an: Soviel Strom erzeugen wie nötig, nicht mehr das Geschäftsmodell großer Konzerne: Soviel Strom verkaufen wie möglich – und sei es aus Offshore-Windenergie.

• Damit lassen sich die Strompreise stabilisieren. Sie werden transparent, Investitionen in innovative Stromtechnik werden plausibel.

• Möglichst viele Bürger können sich finanziell an der Stromproduktion beteiligen, können mit entscheiden, ob und wie viel Strom über den regionalen Bedarf hinaus angeboten werden soll.

Vor diesem Hintergrund wäre es regionalpolitisch fahrlässig und energiewirtschaftlich nicht zukunftsfähig, wenn die lokal erzeugte erneuerbare Energie weiterhin stupide nach EEG-Vorgabe in das Stromnetz eingespeist würde. Worauf es jetzt ankommt, ist ein intelligentes Konzept zu entwickeln, den lokal erzeugten Strom auch regional nutzen zu können. Wir orientieren uns dabei an mehreren Zielen: Bürger, die keine Möglichkeit haben, eine eigene Erneuerbare-Energie-Anlage zu betreiben, sollen mindestens als Verbraucher von der Energiewende profitieren können. Die Region soll ihre Abhängigkeit von zentral erzeugter Energie reduzieren, so dass Preisstabilität und Versorgungssicherheit in der Hand regionaler Akteure liegen. Betreiber von bestehenden Kleinstanlagen mit einem für die großen Stromhändler unerheblichen Output sollen Direktvermarktung betreiben können, ohne Geld zu verlieren. Und die Stadtwerke sollen potenziellen Betreibern von Neu-Anlagen frühzeitig Angebote für die künftige Vermarktung ihres Stroms machen können, die mindestens so attraktiv wie die Einspeisung in das Stromnetz nach EEG sind.

Die 100 prozent erneuerbar stiftung hat am Freitag, den 3. Mai 2012, das Vorhaben einem großen Kreis von lokalen Unterstützern vorgestellt. Wir haben eine überwältigend eindeutige Zustimmung erhalten. Nicht nur der Landrat Wägemann, auch der Oberbürgermeister von Weißenburg, der größten Stadt des Landkreises, die Vertreter der kleineren Städte sowie der ansässigen Stadtwerke zeigten sich angetan und sagten ihre Unterstützung zu.

Es ist mal wieder verblüffend: Während die Bundespolitik vor lauter Problemfokussierung geradezu in mutlose Apathie verfällt, werden in der vermeintlichen Provinz die Zukunftsaufgaben couragiert und zuversichtlich angegangen. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass der künftige Strommarkt im regenerativen Zeitalter nicht zentral funktioniert. Wir wollen am Beispiel des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen zeigen, dass die Alternative in der regionalen Direktvermarktung liegt. Mit unserem Konzept wollen wir die Grundlage dafür schaffen, dass Weißenburg-Gunzenhausen hier Vorreiter mit bundes- oder sogar europaweiter Strahlkraft wird.

Unser Fokus liegt dabei nicht in der technischen Umsetzbarkeit, wenngleich technische Innovationen eine Rolle spielen dürften. Hier sehen wir aber mittelfristig keine grundsätzlichen Hindernisse. Entscheidend ist, dass es sich rechnet. Anders wird eine schnelle Realisierung von regionaler Direktversorgung mit erneuerbarem Strom unmöglich. Die Intelligenz und Kreativität des Konzepts muss sich also daran beweisen, dass wir in diesem Punkt zu überzeugenden Lösungen kommen. Sie müssen so konkret sein, dass sie regionale Akteure wie beispielsweise die örtlichen Stadtwerke problemlos umsetzen können.

Unsere Stiftung profitiert dabei auch von der Kompetenz ihres Förderunternehmens juwi. Im Rahmen einer Spende stellt es uns Beratungsleistungen ihrer Stromhandels-Experten zur Verfügung.

Auf ihre Unterstützung bauen wir, um ein erfolgreiches Konzept zu realisieren, das dann auch Vorbild für viele andere Landkreise und Regionen in Deutschland sein soll.

Die Details der Idee, für den Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen ein regionales Direktvermarktungskonzept zu entwickeln, haben wir zusammen mit der örtlichen Energiegenossenschaft Altmühlfranken entwickelt. Die Genossenschaft hatte auch zu dem großen Stakeholder-Treffen am 3. Mai 2012 geladen, von dem wir, begeistert von dem dynamischen Elan der Region, zurück ins problembesoffene Berlin kehrten.

Wir machen uns nun an die Arbeit und wollen dem Landkreis bis Oktober 2012 die Ergebnisse des Konzepts präsentieren.