Journalistenworkshop in Berlin zeigt: Der Strommarkt ist ein Brownfield-Schummelpaket!

Felix Matthes, angesehener Energieexperte des Öko-Instituts, kam mit schlechten Nachrichten zu einem Journalistenworkshop, den die 100 prozent erneuerbar stiftung am 8. Juni zusammen mit der European Climate Foundation und der Agentur für Erneuerbare Energien  veranstaltete: „Strom wird bis 2030 um ein Vielfaches teurer“, sagte Matthes. Er stellte aber auch klar: „Das hat nichts mit der Energiewende zu tun“.

Stattdessen muss man ein wenig in die Geschichte zurückgehen, um zu verstehen, warum die Stromkosten ansteigen werden.

Deutschlands Strommarkt wurde wie viele andere Strommärkte zu einer Zeit liberalisiert, als es erhebliche Überkapazitäten aus der Monopolzeit gab. Damals war es leicht, Stromkraftwerke zu bauen: Die staatliche Aufsicht genehmigte Investitionszuschläge auf die Stromkosten. Dadurch war die Refinanzierung auch von kapitalintensiven Großkraftwerken gesichert. Als nun die EU Schluss mit den nationalen Strommonopolen machte, verfügte Deutschland über einen ansehlichen Park aus Atom- und Kohlekraftwerke, die im Wesentlichen bereits finanziert waren. Dies ermöglichte den Kraftwerksbetreiber, im frisch liberalisierten Markt mit Kampfpreisen anzutreten. Sie hatten ja nur die variablen Kosten zu verdienen. Und die sind bei Atom- und Kohlekraftwerken gering im Vergleich zu den Investitionskosten. Die Ökonomen haben hierfür den Ausdruck „Brownfield-Liberalisierung“ geprägt. Sie meinen damit die Einführung von Wettbewerb in einem Markt, bei dem nur die Betriebs-, nicht die Investitionskosten verdient werden müssen. Die Folge dieser Liberalisierung: Die Großhandelspreise für Strom sanken rapide. Der Haken: Von diesen niedrigen Börsenpreisen profitierten nur wenige Großverbraucher. Der normale Stromkunde hatte wegen der oligopolistischen Marktstruktur praktisch nichts davon. Und das grundlegende Problem: Die niedrigen Großhandelspreise reichen nicht aus, um Investitionen in neue Kraftwerke zu finanzieren.

Weil der deutsche (und auch der gesamteuropäische) Kraftwerkspark allerdings dringend erneuert werden muss, werden bald Extra-Zahlungen nötig werden, damit die erforderlichen Investitionen auch getätigt werden.  Mit anderen Worten: Die Stromgestehungkosten werden in den nächsten Jahren massiv steigern. Leider ist dann auch zu erwarten, dass die höheren Kosten an die Verbraucher weitergegeben werden.

Matthes‘ wichtigster Punkt ist nun: Diese Kostensteigerungen würden auch auf Deutschland zukommen, wenn die Gesellschaft sich nicht für die Energiewende und 100 prozent Erneuerbare entschieden hätte. Es besteht allerdings die ernsthafte Gefahr, dass im verkürzten öffentlichen Diskurs den Erneuerbaren die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Das wäre unfair, weil es einfach sachlich falsch ist. Als Beleg kann man auf die Energy Roadmap der Europäischen Kommission verweisen. Die Brüsseler Behörde, unter ihrem deutschen Kommissar Oettinger wahrlich nicht als Freund der Erneuerbaren bekannt, hat in diesem Papier fünf Szenarien für den europäischen Kraftwerkspark verglichen. Das erste Szenario beschreibt eine Welt, in der nur ein geringer Zubau von neuen Kraftwerkskapazitäten erforderlich ist, weil die Energienachfrage beträchtlich gesenkt werden kann. Es heißt daher „Energieeffizienzszenario“. Das zweite Szenario sieht einen diversifizierten Kraftwerkspark vor, mit einem relativ geringen Anteil an Erneuerbaren und dafür mehr Kohle- und Atomkraftwerken. Das dritte Szenario beschreibt eine Welt, in der bis 2050 der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bei 97 Prozent liegt. Im vierten Szenario spielt Kernenergie eine größere Rolle. Und im fünften Szenario werden verstärkt Kohlekraftwerke ausgebaut.

Das zentrale Ergebnis, das Oettinger wohl am liebsten verschwiegen hätte, findet sich erst auf Seite 22 des Kommissionspapiers: In allen fünf Szenarien sind die Gesamtsystemkosten ähnlich. Es stimmt also nicht, dass Kernenergie langfristig die billigste Energieerzeugung ist. Es ist nicht richtig, dass CO2 effiziente Kohlekraftwerke die Strompreise stabilisieren. Und es ist schlichtweg unaufrichtig, wenn den Erneuerbaren vorgeworfen wird, der Kostentreiber zu sein.

Natürlich ist es nicht schön, wenn die Kosten für Energie weiter steigen. Es stellt eine gewaltige Herausforderung dar, sie so zu verteilen, dass es sozialpolitisch gerecht und wirtschaftspolitisch vertretbar ist. Aber es ist inakzeptabel, wenn sich in der öffentlichen Diskussion die von Lobbyvertretern vorgebrachte These durchsetzt, die Energiewende sei die Ursache für die zu erwartenden Kostensteigerungen.

Wir werden dafür kämpfen, dass dies nicht so weit kommt. Mit dem eingangs erwähnten Journalistenworkshop haben wir einen weiteren Schritt dafür getan.