Über heiss laufende Kraftwerke, hohe CO2-Konzentrationen und die Frage, warum es jetzt erst recht heisst, einen kühlen Kopf zu bewahren

Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke – im Fachjargon auch thermoelektrische Großkraftwerke genannt – stellen in Zeiten des Klimawandels ein bislang kaum beachtetes, nichtsdestotrotz aber gravierendes Problem für die Versorgungssicherheit dar. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von elektrischer Energie in den Dienstleistungs- und Industrienationen folgt daraus wiederum ein nicht unbeträchtliches Risiko für die besonders anfälligen Volkswirtschaften. Dieses gilt im Besonderen für Nordamerika und Europa, da beide Kontinente auf Grund ihres großen thermoelektrischen Kraftwerksparks global gesehen den größten Kühlwasserbedarf besitzen und die größten Kühlwassereinleitungen verursachen (circa 86 % des gesamten weltweiten Kühlabwassers – und immerhin noch um die 40 % des gesamten Wasserbedarfs in beiden Kontinenten).

Eine jüngst in Nature Climate Change veröffentlichte Studie zeigt, dass in den letzten trockenheißen Sommern (in Europa – jeder dürfte sich erinnern – waren das die Jahre 2003 und 2006) einige thermoelektrische Großkraftwerke gezwungen waren, ihre Produktion deutlich zu verringern. Einige mussten sogar ganz vom Netz gehen, weil die Verfügbarkeit von Kühlwasser so stark eingeschränkt war, dass ein weiterer Betrieb technisch oder aus umweltschutzrechtlicher Sicht nicht mehr zu verantworten bzw. gestattet war. Die reduzierte Verfügbarkeit an natürlichem Kühlwasser aus Flüssen war sowohl quantitativ (äußerst niedrige Pegelstände z.B. an Rhein, Loire und Donau) als auch qualitativ (Wassertemperaturen) gegeben, da das bereits stark erwärmte Wasser nicht mehr die erwünschte Kühlleistung erbringen konnte. Zudem untersagten die Vorschriften zum Schutze der Gewässerökologie das Einleiten in die ohnehin bereits durch die Hitze stark belasteten Flüsse, deren Bewohner selbst extremen Bedingungen (niedriger Sauerstoffgehalt, hohe Wassertemperatur) ausgesetzt waren.

Daher, so eine Kernaussage des amerikanisch-europäischen und EU-finanzierten Autorenteams, bedingen die Verfügbarkeit von Wasser und die Oberflächentemperaturen der Binnengewässer die thermoelektrische Stromerzeugung in besonderem Maße. Dieser Fakt kann sich letztlich in einer kurzfristigen und witterungsbedingten Verteuerung der Strompreise niederschlagen, da eine deutliche Verknappung des Angebots nicht auszuschließen ist. Mit Blick auf die zukünftig zu erwartenden Klimaveränderungen stehen beide Kontinente daher vor großen Herausforderungen, die regional besonders Süd- und Südosteuropa und in den USA vornehmlich den Südosten betreffen werden.

Obwohl die Kraftwerke in Europa und den USA besonderen Kontrollen und Auflagen unterliegen, ist der Konflikt zwischen Wasserverfügbarkeit und Umweltstandards einerseits und den ökonomischen Risiken anderseits als Folge einer sinkenden Stromerzeugung während kommender Dürre- und Hitzeperioden bei weitem noch nicht gelöst. Zudem beruhen die meisten Untersuchungen zum Einfluss des Klimawandels auf die Verfügbarkeit von Frischwasser auf kontinentaler oder globaler Ebene auf großskaligen Modellierungen, die monatliche oder jährliche Durchflussraten zugrunde legen. Die Wassertemperatur als weiterer entscheidender Faktor wird bislang aber in sträflicher Weise noch vollkommen vernachlässigt. Daher, so eine Forderung der Studie, brauchen wir bereits jetzt höher aufgelöste Kurzfristanalysen, um den Auswirkungen des Klimawandels und des Kühlwasserbedarfs auf die Ökosysteme der Binnengewässer und weitere Wasserverbraucher (z.B. Landwirtschaft, Industrie, Haushalte) zielführend begegnen zu können. Des Weiteren sollten Anpassungsoptionen bereits in gegenwärtigen Planungen und Strategien berücksichtigt werden. Und selbstverständlich – die Leserinnen und Leser unseres Magazins haben das sicher schon geahnt – schlagen die Autoren den Ausbau erneuerbarer Energien als eine sinnvolle Anpassungsstrategie vor.

Kurz und pointiert: Die konventionelle Energiewirtschaft ist nicht nur eine der Hauptverursacherinnen des anthropogenen Klimawandels, sie wird von diesem auch in hohem Maße selbst betroffen sein. Ob man sich dessen auch in den Konzernzentralen immer schon so bewusst ist (oder sein möchte), darf man stark bezweifeln, hat doch nicht der kläglich gescheiterte Versuch der RWE-Manager Vahrenholt und Lüning jüngst gezeigt, wie man den Klimawandel zumindest in der öffentlichen Debatte aufhalten möchte. „Kalt berechnende Gehirne“ statt „kalte Sonne“ – mehr bietet die konventionelle Energiewirtschaft derzeit nicht auf!

Auch von anderer fachwissenschaftlicher Seite wird auf die Dringlichkeit von Anpassungsstrategien hingewiesen. Einen bedenklich-traurigen Rekord kann die staatliche US-amerikanische NAOO (National Oceanic and Atmospheric Administration, Department of Commerce) vermelden: Erstmals wurden im April und Mai diesen Jahres in der Atmosphäre der Nordhalbkugel über 400 ppm CO2 gemessen (ppm = parts per million). Das Ergebnis wurde durch verschiedene Messstationen der NAOO in arktischen und subarktischen Regionen bestätigt. Der Höchststand fällt zeitlich mit dem Höchststand des natürlichen globalen Kohlenstoffkreislaufes zusammen. Der atmosphärische CO2-Gehalt ist grundsätzlich am Ende des nördlichen Winterhalbjahres am höchsten, da nun erst wieder die Wachstumsperiode der arktischen und der subarktischen sowie der Vegetation der gemäßigten Breiten auf der bedeutend größeren Landmasse der nördlichen Hemisphäre einsetzt, die der Atmosphäre wieder etwas CO2 entzieht.

Vor der industriellen Revolution (also ca. vor 1880) lag der globalen Durchschnitt des CO2-Gehaltes jedoch nie über 300 ppm. Seit den ersten wissenschaftlich akkuraten Messungen der atmosphärischen CO2-Konzentration durch David Keeling (Scripps Institution of Oceanography) im Jahre 1959 auf dem Mauna Loa (Hawaii) ist der Gehalt von damals 320 ppm auf nun global gemittelte 390 ppm in 2010 angestiegen. Für die US-amerikanischen Wissenschaftler steht fest, dass das atmosphärisches CO2-Niveau heutzutage höher liegt als in den letzten vergangenen 800.000 Jahren. Mit einer jährlichen Zunahme von ca. 3 ppm steigt der Gehalt aktuell zudem schneller als je zuvor.

Was bedeutet dies mit Blick auf das „magische“ 2°-Ziel, dem sich offiziell auch unsere Bundesregierung verpflichtet fühlt? Es bleiben gerade mal lächerliche 20 Jahre Zeit, den globalen Verbrennungswahnsinn zu stoppen, der so träge wie ein großer Tanker auf großes Ungemach zusteuert. Denn jenseits der 450 ppm-Marke – so die Berechnungen zahlreicher Klimaforscher – wird es erst richtig warm. Rückkoppelungseffekte durch die Klimawirksamkeit des in großen Mengen freigesetzten Methans aus den auffrierenden Permafrostböden als auch ein sich wandelnder Strahlungshaushalt durch immer stärker schmelzende Gletscher, die bekanntermaßen Sonnenlicht besser reflektieren als eis- und schneeunbedeckte Flächen, können den weiteren Verlauf des Klimawandels für den Menschen nahezu unbeherrschbar über Jahrtausende hinweg prägen. Und wir wissen noch nicht einmal tatsächlich, ob 450 ppm ein sicheres Niveau ist, denn zahlreiche Wechselwirkungen könnten sogar schon früher zu Überschreitungen der sogenannten Kipppunkte führen (im günstigsten Fall natürlich auch erst später). Was das für die mehr als eine Milliarde Menschen bedeuten kann, die derzeit zwischen 0 und einem Meter über NN weltweit an den Küsten leben, hierüber kann man sich in einem ZEIT-Artikel aufklären.

Warum dennoch einen kühlen Kopf bewahren? Weil jemand da sein muss, der jetzt den Umfang eines weltweiten Elitenversagens aufzeichnen muss, um die Damen und Herren aus Regierungskreisen und Konzernzentralen, die aus kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen heraus bislang einen wirksamen  Klimaschutz verkauft haben, im Bedarfsfall mächtig zur Kasse zu beten. Denn das soll es diesmal erst gar nicht geben: Die Entschuldigung, man habe ja von allem nichts gewusst! Eine weltweite Bürgerschaft sollte bereits jetzt die Vereinten Nationen dazu auffordern, einen Internationalen Klimagerichtshof einzurichten, der sobald wie möglich handlungsfähig sein sollte und der alle Versäumnisse, Verweigerungen und Verbrechen – die nicht zuletzt Verbrechen gegen die Menschheit sind – dokumentiert. Vielleicht hilft das den globalen Entscheidungsträgern bei den wieder anstehenden Klimaschutzverhandlungen endlich einmal weiter. Ein letztes Mal im Vertrauen und zugleich eine ernste Mahnung: Denkt endlich kosmopolitisch – oder zahlt die Zeche für die Suppe, die ihr als Hauptverantwortliche zubereitet habt und die wir alle werden auslöffeln müssen!