Leise Kopfnicker für die Energiewende

c: Christopher Peetz Photography

Daniel, braucht die Energiewende nicht eher lautstarke Unterstützung denn leises tanzen?

Mit der Energiewende besteht die Chance, eine dezentrale Form der Energiegewinnung aufzubauen, und damit am grundsätzlichen bestehenden Paradigma der großen Energieversorger zu rütteln. Dazu braucht man eine breite Unterstützung in der Bevölkerung, also möglichst viele, die sich daran beteiligen. Das leise Tanzen ist kein Selbstzweck, sondern dient der Gewinnung von Aufmerksamkeit und zwar in einer non-konfrontativen Weise. Es ist eine Demo, die sich radikal von anderen unterscheidet – aber nicht indem wir lauter als andere schreiben, sondern indem wir eben leise tanzen.

Damit wecken wir Neugier bei denjenigen die sich sonst oft nicht für Demos interessieren, denn wir sind erst einmal nicht als solche zu erkennen. Diese Neugier nutzen wir, um Flyer mit Informationen auszuteilen, im letzten Jahr verteilten wir knappe 10.000 Stück. Wir bekommen oft zu hören, dass es eine sehr sympathische Aktion ist, und viele der Zuschauer im nächsten Jahr selbst mitmachen wollen – und genau das ist unser Ziel: Wir wollen unsere Mitbürger nicht anschreien, sondern eher begeistern und inspirieren. Wir wollen mit unserer Demo zeigen, dass es möglich ist, Spaß zu haben und dabei klimafreundlich zu sein und gleichzeitig noch ein politisches Statement zu setzen. Um es mit den Worten von Buckminster Fuller zu sagen, Dinge ändert man nicht, indem man gegen Realitäten ankämpft. Um etwas zu verändern, erschaffe ein neues Modell, das das alte obsolet macht.

Wie viele Demonstranten erwartet Ihr am Samstag? Und wo verläuft die Parade?

Im letzten Jahr waren wir 800 Personen, trotz eines recht kurzfristigen Wechsels des Startpunktes vom Alexanderplatz zur Gedächtniskirche, weil am Alexanderplatz der Aufbau des Oktoberfestes Vorrang hatte. In diesem Jahr hoffen wir auf mehr als 1.000 Demonstranten, die sich am Samstag zwischen 12 und 14 Uhr am Neptunbrunnen einfinden um einen Kopfhörer ausleihen und mittanzen. Wir laufen dann einen Bogen über den Hackeschen Markt und laufen dann die Karl-Liebknecht-Straße in Richtung Bebelplatz. Kurz davor wenden wir und laufen zurück zum Neptunbrunnen um dort unsere Abschlusskundgebung abzuhalten, die dann laut und für alle zu hören sein wird.

Party und Klimaschutz: Die Kombination scheint magisch zu sein, schaut man auf Organisationen wie die Green Music Initiative oder Veranstaltungen wie den Clean Tech Media Award. Wieso funktionieren die beiden so gut miteinander?  

Einmal wird der Hedonismus in einer konsumorientierten und von Konzernmedien dominierten Welt natürlich großgeschrieben, und da ist es natürlich einfacher, etwas zu verkaufen was Spaß macht. Meiner Meinung nach gehört Spaß oder Freude jedoch tatsächlich zu einem der Grundbedürfnisse des Menschen. Ein Leben das nur aus Verzicht und Aufopferung besteht, kann weder nachhaltig noch sinnvoll oder erfüllt sein. Außerdem möchte ich in solch einer Welt nicht leben, an so einer Welt möchte ich nicht arbeiten. Ich will eine lebenswerte Zukunft mit aufbauen.

Ich denke dass wir die breite Masse für eine bessere Welt begeistern müssen, statt ständig die Moralkeule zu schwingen. Da wären wir wieder bei Fullers Zitat. Ich möchte, dass mehr Menschen sich über die Dringlichkeit bewusst werden, mit der wir uns gesamtgesellschaftlich mit dem Klimawandel und einem nachhaltigen Leben auseinandersetzen müssen. Und ich denke jeder und jede soll dort beginnen, wo es ihr und ihm am leichtesten fällt und am meisten Spaß macht – Psychologen würden von intrinsischer Motivation sprechen – sonst hält es nicht lange an.

Eines darf aber nicht vergessen werden: Dass dieser Eindruck, die Kombination funktioniere so gut, heute besteht, ist ein Erfolg der harten Arbeit von vielen Akteuren wie z.B. Jacob Bilabel (GMI), Marco Voigt (Clean Tech Media Award), aber auch Finja Götz (Initatorin der Umweltaktivitäten beim Melt! Festival), oder Tobias Reitz (Initiator der Organic Disco), die das immer mit viel Energie, Leidenschaft, Risikobereitschaft und dem nötigen Talent verfolgten. Wir von der Silent Climate Parade freuen uns, jedes Jahr dazu einen Beitrag leisten zu können.

Welche DJs legen am Samstag auf? Und welche Resonanz erfahrt Ihr in der Musikwelt auf Eure Veranstaltung?

Wir haben mit Jake The Rapper und NU aus der ehemaligen Bar 25 zwei echte Kracher am Start. Blenn&Gleich begleiten uns schon seit einigen Jahren und sorgen jedes Jahr für eine Superstimmung. Ich freue mich auch schon sehr auf Viperflo, der dieses Jahr ein mitreißendes Set bei der Nation of Gondwana spielte.

Die Musikwelt nimmt unsere Aktion sehr positiv auf, es gibt einige Veranstalter und Clubs die uns bei der Promo unterstützen, die Clubcommission sogar sehr aktiv. In den vergangenen Jahren hatten wir auch einige namhafte Künstler am Mixer, wie z.B. Dr. Motte, Dirty Doering, oder Pilocka Krach, und zwar ohne dass wir jemals eine Gage o.ä. gezahlt hätten. Alle DJs sind 100%ig freiwillig und aus Überzeugung dabei.

Die Silent Climate Parade findet wie gesagt  nicht zum ersten Mal statt. Was habt Ihr von den letzten Demos gelernt und kannst Du eine Veränderung in der Beteiligung, des Interesses oder der öffentlichen Aufmerksamkeit wahrnehmen?

Im letzten Jahr hatten wir eine recht große Bühne, die sehr stark an eine „traditionelle“ Demo erinnerte, die wird es dieses Jahr nicht mehr geben. Wir werden eine Abschlusskundgebung halten, diese wird aber ‚organischer’ sein.

Letztes Jahr hat Kevin Buckland, „Art Ambassador“ von 350.org, uns unterstützt und einen drei-tägigen Workshop veranstaltet, bei dem Schilder, Banner und weitere Materialien für die Parade produziert wurden. Dies führen wir in diesem Jahr weiter, denn damit ist unsere Parade nochmal etwas bunter und visuell ansprechender geworden.

Insgesamt sind wir sichtbarer geworden, und inzwischen kommen viele Klimaorganisationen zur Parade, was uns sehr freut. Wir möchten nämlich die Klimabewegung stärken und keine Konkurrenzsituation mit anderen aufbauen, deren Arbeit wir sehr schätzen. Wir hoffen darauf, dass die Silent Climate Parade als Plattform verstanden wird, neue Zielgruppen anzusprechen und sich untereinander besser kennenzulernen.

Auch haben wir inzwischen einen Verein gegründet um schon im Vorfeld Spenden sammeln zu können. Schließlich sind wir alle Freiwillige, und mit einer größer werdenden Parade, wollen wir das Risiko minimieren, am Tag der Parade nicht genügend Spenden zu erhalten und auf den Kosten sitzen zu bleiben. Unterstützen kann man uns über diesen Link.

Weitere Informationen zur Silent Climate Parade findet Ihr hier.

Vielen Dank und vor allem viel Erfolg und noch mehr Spaß am Samstag.