Erneuerbare Energien als außerschulischer Lernort, Part II

Neu in der Schriftenreihe der 100 prozent erneuerbar stiftung ist das Handbuch Energieparcours – ein Leitfaden für den außerschulischen Lernort „erneuerbare Energie“. Es ist hier als book on demand für 6,90 Euro erhältlich.Doch warum braucht es überhaupt solche Projekte und an wen richtet sich das Handbuch? Peter Glasstetter, Referent für Bildung&Wissenschaft, erläutert das:

Woher kommt der Begriff Energiebildung und was bezeichnet er?
Der Begriff „Energiebildung“ selbst beinhaltet nicht nur das naturwissenschaftlich-technische Verständnis von Energie, sondern berücksichtigt auch die soziale, politische, ökonomische, ethische und ökologische Ebene von Energie und Energieversorgung. Nicht zuletzt geht es dabei auch übergeordnet um die Frage der didaktischen Vermittlung der genannten Themenfelder. Die Frage nach der Begriffsherkunft ist allerdings nicht so leicht zu beantworten. Sicher ist, dass der Begriff noch nicht allzu lange die Runde macht, man findet dazu beispielsweise noch keinen Eintrag bei Wikipedia, weder auf Deutsch noch auf Englisch. Von daher muss ich einer genauen Antwort schuldig bleiben. Energiebildung hat sich aber in den letzten zwei Jahrzehnten im Zuge des Rio-Prozesses als abgegrenzter Teilbereich oder Schwerpunkt der Umweltbildung zunehmend etabliert. Infolge dieser Entwicklung wurden Bildungskonzepte, -angebote und -veranstaltungen verstärkt auf diesen Teilbereich zugeschnitten. Schulische und außerschulische Bildungsinitiativen nahmen sich verstärkt der Energiefrage an oder spezialisierten sich sogar darauf, oftmals im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien und vor allem bewegt durch die sich anbahnende Ressourcenverknappung, die mit der Förderung atomar-fossiler Energieträger verbundenen Umweltrisiken und -probleme und durch den menschengemachten Klimawandel. Mit dem Aufkommen der erneuerbaren Energien gelangten beispielsweise Aspekte der Energiebildung auch in der Berufs- und Weiterbildung auf die Tagesordnung. 2009 stand die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland unter dem Motto „Energie“, bereits 2010 folgte das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgerufene Wissenschaftsjahr „Die Zukunft der Energie“. Energiebildung hat also Konjunktur, sicherlich auch vor dem Hintergrund der Ereignisse 2011 mit dem Atomunglück in Japan, dem erneuten Atomausstieg hierzulande und der damit ausgerufenen „Energiewende“.

Wofür braucht es die Unterscheidung zwischen Energie- und Umweltbildung?
Umweltbildung umfasst das breite Spektrum aller mehr oder weniger problematischen Mensch-Umweltbeziehungen und zielt auf den verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen ab. Kaum ein anderes Umweltthema wird derzeit jedoch gesellschaftspolitisch so intensiv diskutiert wie die Energiethematik. Die zentrale Bedeutung von Energie als Antrieb aller natürlichen und kulturellen Prozesse ist uns zwar selten akut bewusst, erschließt sich jedoch jedermann schon nach kurzem Nachdenken. Aufgrund dieser Schlüsselstellung von Energie in unser aller Alltag und im Sinne der Nachhaltigkeit erscheint es mir gerechtfertigt, den Bereich der Energiebildung als einen Teilbereich der Umweltbildung abzugrenzen. Die Überschneidungen mit anderen Themenbereichen der Umweltbildung bleiben natürlich bestehen, wie etwa der Konsumbildung.

Wofür braucht es Energiebildung überhaupt?
Trotz der zentralen Bedeutung von Energie ist das Wissen über sie und im speziellen auch zu erneuerbarer Energie oftmals generationenübergreifend nicht sonderlich tief verankert. Gerade auch erneuerbare Energien spielten lange nur eine Randnotiz in Lehrplänen und werden erst langsam als alternative Energieversorgung ernsthaft anerkannt. Aktuelle Studien belegen zudem, dass große länderspezifische Unterschiede innerhalb der Lehrpläne bei der Behandlung des Themas „Energie“ bestehen. Oftmals liegt der Fokus auf den technisch-naturwissenschaftlichen Aspekten des Energiebegriffs. Eine Umfrage unter Lehrkräften ergab außerdem, dass eine Mehrheit die derzeitige Energiebildung an deutschen Schulen nicht für ausreichend hält, um auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten – eine löbliche Ausnahme bilden da Schulen mit einer entsprechenden Schwerpunktsetzung. Doch Energiebildung ist gerade auch in Hinblick auf zukünftige Entwicklungen von hoher Bedeutung. Schwindende konventionelle Energieressourcen bei steigender Weltbevölkerung und bei voraussichtlich zunehmenden Herausforderungen durch den Klimawandel deuten insgesamt darauf hin, dass – wie es auch die Verfasser der Freiburger Resolution 2009 formuliert haben – Energiebildung als Kernkompetenz anerkannt werden muss.

Mit dem Handbuch Energiewandertage und dem Handbuch Energieparcours berichten Sie von zwei Energiebildungsprojekten und wie sie durchgeführt werden können. Was ist der wichtigste Ratschlag für Anwender?
Lesen Sie sich die Handbücher einfach durch, vielleicht finden Sie noch einen guten Hinweis für Ihr Vorhaben oder lassen Sie sich generell inspirieren. Ebenso freuen wir uns über Hinweise und Tipps, wie sich unsere Konzepte verbessern lassen.

Können Sie weitere Beispiele von Energiebildungsprojekten nennen?
Es gibt mittlerweile zahlreiche Projekte, die sogar bundesweit etwa durch die Förderung durch Bundesministerien oder auch nur regional begrenzt angeboten werden. So wurden etwa zu erneuerbaren Energien Experimentierkisten für Kindergärten und Schulen zusammengestellt. Träger dieser Angebote sind oftmals Vereine, Umweltbildungszentren, Umweltverbände und andere außerschulische Bildungsakteure, aber auch Initiativen, die von Kommunen oder Unternehmen direkt oder indirekt ausgehen oder unterstützt werden. So unterhält ein Wechselrichterhersteller zum Beispiel eine Informationsplattform für Kinder zur Sonnenenergie, werden in Zusammenarbeit mit Projektentwicklern Bildungsangebote für Kinder konzipiert und vor Ort an den Anlagen auch durchgeführt.

Entscheiden sich viele Unternehmen dafür, Erneuerbare-Energie-Anlagen zu außerschulischen Lernorten zu machen? Was hat ein Unternehmen davon, solche Projekte durchzuführen?
Ich habe leider keinen umfassenden Überblick, welche Unternehmen Schülergruppen Anlagenbesuche ermöglichen. Oftmals werden aufgrund der knappen Ressource Zeit Anfragen je nach aktueller Lage positiv oder negativ entschieden. Mir sind aber durchaus Beispiele bekannt, die eine solche Möglichkeit sogar fest institutionalisiert haben. Zahlreiche Unternehmen der Branche helfen zudem bei der Berufswahlorientierung. Was hat das Unternehmen davon? Es heißt ja immer, die Energiewende sei eine epochale wie gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Energiebildung wiederum wird oftmals als Voraussetzung angesehen, geht es etwa darum, Energieeinsparziele zu erreichen oder einen Konsens über die nötigen Infrastrukturmaßnahmen herzustellen. In diesem Sinne darf man auch Unternehmen der Erneuerbaren-Branche fragen, ob und was sie für die Akzeptanz der Energiewende oder der Energiebildung im Allgemeinen zu tun bereit sind. Viele Unternehmen versuchen ja bereits über CSR-Maßnahmen ihrer unternehmerischen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht zu werden. Ein Engagement im Bereich der Energiebildung könnte also die Palette der CSR-Aktivitäten aufwerten, zumal ein solches Engagement sich mittelfristig auch positiv im Sinne des Geschäftsmodelles auswirken kann. Zudem könnte es für Unternehmen zunehmend in Zeiten des Fachkräftemangels interessant werden, ihr Arbeitsfeld schon früh Heranwachsenden vorzustellen und sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren.