Energiewende: Geothermie und andere kleine Fische

Gastartikel von Robert Doelling, Energieblogger.

Nach dem deutschen Atomausstieg schien es lange Zeit so, als ob die Energiewende im Konsens mit Bürgern, Politik und Wirtschaft vollzogen werden würde. Doch der Wind hat sich merklich gedreht. Die Energieversorger ziehen die Strompreise an und schieben die Schuld dafür auf die Politik und das EEG. Und im stillen Kämmerlein planen sie bereits die nächste Energierevolution: Unkonventionelles Erdöl und Erdgas könne laut Internationaler Energieagentur die nächsten Jahrzehnte die Energieversorgung sichern. Dass dies aus Klimaschutzgründen gar nicht möglich ist, sagen sie uns nicht. Wenn schon gebohrt wird, dann doch bitte nach Geothermie. Eine völlig verkannte Energiequelle, die nicht nur Jahrzehnte sondern Jahrmillionen zu unserer Energieversorgung beitragen könnte. Doch die Politik widmet sich lieber den „großen“ Fischen und lässt die kleinen schwimmen.

Neben den täglichen Diskussionen um die Energiewende und die damit verbundenen unzumutbar hohen Kosten ist eine Meldung nahezu untergegangen. Eine Meldung, die es meiner Meinung nach in sich hat: Laut Erhebungen des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien haben wir nach einem kurzfristigen CO2-Tief in Folge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise mit 34 Milliarden Tonnen CO2 im Jahr 2011 wieder einen neuen Rekord aufgestellt. Was uns blüht, wenn wir nicht auf solche Warnsignale hören, hat Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung auch deutlich gemacht. „Wenn wir uns weit über die Zwei-Grad-Linie hinauswagen, also in Richtung vier Grad, laufen wir Gefahr, Kipp-Punkte im Erdsystem zu überschreiten.“ Dies könnte bei den weltweit vom Kollaps bedrohten Korallenriffen der Fall sein, oder beim kilometerdicken Eisschild Grönlands. Dessen Schmelze würde Jahrtausende dauern, könnte aber schon bald unwiderruflich beginnen. „Der einzige Weg, dies zu vermeiden, ist ein Bruch mit den vom Zeitalter fossiler Brennstoffe geprägten Mustern von Produktion und Konsum“, so Schellnhuber.

Sehr viel deutlicher kann man eigentlich nicht mehr werden. Doch nehmen wir solche Warnungen eigentlich noch wahr? Oder ist uns das Hemd einfach näher als der Rock? Ich glaube nicht, dass es den meisten Bürgern egal ist, was mit unserer Welt in 20, 30 oder 50 Jahren passiert, wenn unsere Kinder mit den Folgen der Klimaerwärmung umgehen müssen. Doch was kann man tun, wenn mächtige Lobbyorganisationen wie die Internationale Energieagentur (IEA) ein neues Öl- und Gaszeitalter ausrufen. Ja, genau, Sie haben richtig gehört. Peak-Oil und Kriege im nahen Osten waren gestern. Alles passé. Morgen wird gefrackt. Und mit dieser Technik lassen sich dann riesige Mengen an Öl und Gas fördern. Und das vor allem in Amerika, die zum einen über die geologischen Voraussetzungen und Ressourcen verfügen und zum anderen auch die Technik besitzen, solche „unkonventionellen“ Lagerstätten mit wiederum viel Energieeinsatz und Chemikalien auszubeuten. Und entgegen der Meinung einiger Experten und Journalisten könnte der Fracking-Trend nicht nur in Amerika Kreise ziehen: Am 31. Oktober 2012 hat nämlich das Niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie eine Rundverfügung herausgegeben, in der „Mindestanforderungen an Betriebspläne, Prüfkriterien und Genehmigungsablauf für hydraulische Bohrlochbehandlungen in Erdöl- und Erdgaslagerstätten in Niedersachsen (Fracking)“ dargestellt sind. Dies könnte Fracking auch in Niedersachsen Haus und Hof öffnen.

Das ist alles schon etwas verrückt. Auf der einen Seite droht uns der Klimakollaps. Auf der anderen Seite atmen wir auf, dass wir – zumindest bis wir in Rente gehen – noch genügend Öl und Gas haben. Den Gedanken, dass wir uns von Öl und Gas so oder so verabschieden müssen, verdrängen wir gerne wie einen Besuch beim Zahnarzt. In dieser Malaise kommt es uns manchmal grad recht, wenn in sonntagabendlichen Talkshows Klimaskeptiker lauthals verkünden, dass alles so weiter gehen kann oder sogar muss. Weil es keine wirklichen Alternativen gäbe. Und wenn es Alternativen überhaupt gibt, dann müssen diese erst noch weiter entwickelt oder erfunden werden. Doch wie hieß es doch gleich in der Palmolive-Werbung Anfang der 80er: „Sie baden gerade ihre Hände darin“. Und das kann man sogar wörtlich verstehen: Viele Gemeinden, die das Wörtchen „Bad“ in ihrem Namen tragen, nutzen nämlich Geothermie. Und das bereits seit Jahrzehnten. Die aus mehreren hundert Metern Tiefe geförderte sogenannte Sole hat nicht nur angenehme Badetemperaturen, sondern wirkt auf unterschiedlichste Art und Weise auf Körper und Geist. Daher ist es auch nicht verwunderlich, das Kurbäder, die Sole und Erdwärme nutzen, mit die einzigen Badbetriebe in Deutschland sind, die überwiegend wirtschaftlich und ohne ständige Zuschüsse betrieben werden.

Natürlich brauchen wir aber nicht nur umweltfreundliche Wärme, um unsere Freizeitbäder zu beheizen. Wir brauchen vor Allem eine sichere, grundlastfähige und CO2-freie Stromversorgung. Und genau dazu könnte auch die Geothermie beitragen. Doch bereits der offizielle Startschuss im Jahr 2004, als die Geothermie in die EEG-Förderung aufgenommen wurde, kann als Fehlstart bezeichnet werden. Während die Photovoltaik mit einer Einspeisevergütung von weit über 40 Cent pro kWh gefördert wurde, wurde Strom aus Geothermie nur mit 15 Cents bedacht. Eine Vergütung, die weit von den eigentlichen Gestehungskosten eines funktionierenden Geothermiekraftwerks entfernt liegt. Und noch weiter entfernt liegt von einer angemessenen Risikovergütung, wenn ein Investor millionenschwere Bohrungen in bisher unbekannte geologische Formationen vornehmen soll. Heute, 8 Jahre später, liegt der Satz bei 25 Cents. Und wie man an der Zusammensetzung des jetzigen Energiemixes unschwer erkennen kann, sind nur sehr wenige Projekte in den letzten Jahren hinzugekommen.

Die Geothermie ist aber nur ein Beispiel für eine Förderpolitik, die es seit Jahren auf die „dicken Fische“ absieht und die kleinen schwimmen lässt. Obwohl es gerade die individuellen, regionalen Lösungen sind, die die Energiewende günstiger und schneller machen könnten. Da ist zum Beispiel die Kleinwindkraft. Gefördert mit einer Einspeisevergütung von etwas mehr als 8 Cents und kalkulierten Gestehungskosten von rund 20 Cents muss man schon sehr idealistisch sein, sich ein Kleinwindrad in den Garten zu stellen und den Wind ins Stromnetz einzuspeisen. Wird nun das EEG wegen der Belastungen aus der PV-Förderung abgeschafft und auf ein Quotenmodell umgestellt, so droht das Aus für all diese Technologien. Wenn ich daran zurückdenke, wie enthusiastisch die Geothermie-Branche noch vor einigen Jahren war, dann kommt schon etwas Wehmut auf, eine solche Technologie in den Ruhestand zu verabschieden, bevor sie überhaupt den ersten Arbeitstag angetreten hat. Ich persönlich hoffe jedenfalls noch auf die Einsicht der Politik, sich auch angemessen mit all den „kleinen Fischen“ zu beschäftigen.

Der Autor: Robert Doelling hat Betriebswirtschaftslehre an der Universität Kiel studiert und war danach unter anderem in der Projektentwicklung von Tiefe Geothermie-Projekten tätig. Heute leitet Robert Doelling die Social Media-Aktivitäten bei der DAA GmbH in Hamburg und betreut unter anderem die Portale www.solaranlagen-portal.com, www.heizungsfinder.de und das internationale Portal www.solarcontact.com.