Die Sonne geht im Osten auf

Seit März 2013 ist die 100 prozent erneuerbar stiftung in Sachsen-Anhalt aktiv. Was wir im Land der Frühaufsteher für die Energiewende tun, lesen Sie im Interview mit Ralf Dunker, Mitarbeiter der 100 prozent erneuerbar stiftung:

100 prozent erneuerbar stiftung: Wer und was versteckt sich hinter dem Namen „Energieavantgarde-Region Anhalt“? An wen wendet sich dieses Projekt?

Ralf Dunker: Ein wesentlicher Akteur und einer unserer Auftraggeber für dieses Projekt ist die Stiftung Bauhaus mit Sitz in Dessau in der Region Anhalt. Der Begriff Bauhaus und der Name Walter Gropius stehen für die Klassische Moderne, für avantgardistisches Design der 20er Jahre. Seit 1925 ist die Kunsthochschule mit beeindruckend modernistischen Gebäuden in Dessau beheimatet.

Nun betrifft die Energiewende natürlich auch die Architektur des Bauhaus. Energieeffizienz spielte damals noch keine Rolle. Heute ist es nicht leicht, die denkmalgeschützten Gebäude fit zu machen für die Zukunft. In jüngerer Zeit widmete sich die Bauhaus Stiftung daher auch diesem Thema und weitet es seither beständig aus; auch auf den Begriff Energiewende selbst.

Deshalb ist auch die Ferropolis GmbH unter den Auftraggebern. Ferropolis ist die Stadt aus Eisen, liegt auf einer Insel im ehemaligen Braunkohletagebau bei Gräfenhainichen und dient heute als Industrie-Denkmal. Vor allem ist dort zwischen riesigen Kohlebaggern ein beeindruckendes Festivalgelände für Konzerte entstanden, das jährlich hunderttausende Besucher und die angesagtesten Bands anzieht – und einen entsprechenden Stromverbrauch hat. Wichtigstes Ziel des Betreibers ist es nun, den für die Festivals benötigten Strom so bald als möglich nur noch aus regenerativen Quellen der Umgebung zu beziehen – eine Aufgabe, die äußerst anspruchsvoll ist.

Hier kommen die Partner ins Spiel, die wir im Rahmen des Projekts identifizieren und mobilisieren wollen. Das Projekt wurde zwar sofort von den Stadtwerken Dessau unterstützt. Andere Akteure, z.B. die Solar-Unternehmen, die sich um die Jahrtausendwende im „Solar Valley“ entwickeln konnten und nun mit den erschwerten Rahmenbedingungen der Energiewende kämpfen, sind aber noch zurückhaltend. Zusammen mit ihnen, weiteren lokalen Energie-Akteuren und mit der regionalen Touristik-Branche wollen wir versuchen, die Energieavantgarde aus der Region heraus zu kitzeln. Dabei ist bislang noch relativ offen, welche Ergebnisse letztlich sichtbar sein werden. Ferropolis dient gleichwohl als „Show Case“ und als Ausgangsbasis, um in gemeinsamen Workshops mögliche innovative Leistungen der Region zu entwickeln und zu kommunizieren.

100pes: Was macht die Region Anhalt denn energieavantgardistisch? Was ist hier fortschrittlicher als anderswo?

RD: In der Tat stellen wir genau diese Frage für die Gegenwart und die Zukunft der Region gerade erst. Das heißt, wir wollen gemeinsam mit den Unternehmen und Initiativen der Region herausfinden, ob und wie an die spannende und beeindruckende Vergangenheit Anhalts angeknüpft werden kann. Dies herauszufinden, ist der Kerngedanke der Projektträger, zu denen auch das Umweltbundesamt in Dessau zählt. Zumindest die Vergangenheit, die bis in die Gegenwart wirkt, kann sich wirklich sehen lassen.

So begann bereits im Januar 1911, gespeist vom damals hochmodernen Kraftwerk Muldenstein, mit der Eröffnung des elektrischen Betriebes auf der Strecke Dessau – Bitterfeld eine umfangreiche Entwicklung auf dem Gebiet der elektrischen Eisenbahn mit einer Spannung von 15 Kilovolt und einer Frequenz von 16 2/3 Hertz. Das betone ich, weil dieses System bis heute im Streckennetz der Bahn verwendet wird. Die Junkers-Werke aus Dessau spielten eine wichtige Rolle bei der Technologieentwicklung der 20er und 30er Jahre. Sie entwickelten im Wettbewerb mit Dornier nicht nur zivile Flugzeugtechnik für die ersten Langstreckenflüge. Zuvor produzierten sie bereits Gasthermen, waren quasi im Energiebereich tätig. Eine der größten Photovoltaik-Freiflächen entstand übrigens vor wenigen Jahren in Brandis, auf eben dem Flugplatz, der der Firma Junkers in den Zwanzigern und Dreißigern zur Erprobung ihrer Flugzeuge, zum Beispiel der legendären JU-52, diente.

Einen schönen Überblick über die innovative Vergangenheit der Region verschafft die Energieroute „Kohle–Dampf–Licht“. Wenn wir noch weiter zurück blicken, könnten wir natürlich auch auf Martin Luther verweisen, der damals von Wittenberg aus die Welt der Kirche revolutionierte. Aber das passt vielleicht nicht so gut hierher…

100pes: Welche Rolle will und soll die 100 prozent erneuerbar stiftung dabei spielen? Warum engagiert sich die Stiftung an diesem Projekt?

RD: Wir liefern in unserem Konsortium von Auftragnehmern die energietechnische und –politische Expertise, knüpfen die Kontakte zu den regionalen Energie-Akteuren, vernetzen sie und geben erste Ideen für die Sichtbarmachung erneuerbarer Energie. Die Unternehmen müssen zunächst lernen, dass es nicht reicht, großartige Technik zu entwickeln. Sie sollten die Besucher der Region auch einladen zu erleben, was es für uns alle insgesamt bedeutet, Strom aus Sonnenlicht, aus Wind und Wasser zu generieren. Sie können auch zeigen, wie kurzsichtige Politik gerade mit den Chancen spielt, die sich eigentlich aus der Energiewende ergeben. Wir werden versuchen, die häufig in der technischen Ebene verhafteten Akteure auf neue Gedanken zu bringen. Denn die Avantgarde beginnt im Kopf: Geht es wirklich nur um Technik oder können wir dort gemeinsam ein neues Bürger-Stromsystem andenken und Schritt für Schritt umsetzen? Diesen Kommunikationsauftrag sollte die Region annehmen und zeigen, wie die dezentrale Stromversorgung der Zukunft aussieht, was Strom dann noch kostet, wer sich an der Erzeugung beteiligen kann, ob eine Strombörse dann noch Sinn macht – und was passiert, wenn wir dieses Modell weltweit verbreiten: Denken wir nur an die Kostenfalle, in der viele Schwellen- und Entwicklungsländer heute stecken, weil sie Öl und Kohle importieren müssen oder die Konflikte, die sich ergäben, wenn wir die Kurve, also die Wende, nicht kriegten.

Für die 100 prozent erneuerbar stiftung ist Anhalt aus allen eben genannten Gründen eine spannende Region. Wir würden gern dazu beitragen, dass hier, ungeachtet aller Rückschläge der vergangenen 50 Jahre, nochmal kräftig in die Hände gespuckt wird, um dem nahen Berlin selbstbewusst zu demonstrieren, wie die Energiewende geht.

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