Zielmarke in Altmühlfranken gesetzt – und weiter geht‘s

Von Ralf Dunker.

Am Montag (24. Juni 2013) präsentierte die 100 prozent erneuerbar stiftung endlich ihr finales Konzept „Erneuerbarer Strom aus Altmühlfranken – selbst erzeugt, regional vermarktet, von allen geschätzt“ in Pappenheim. Im Kern handelt es sich dabei um die Grundlage dafür, als erste Region Deutschlands kooperativ-unternehmerisch in ein konsequent regional-ökologisches Stromerzeugungs-, vertriebs- und -verbrauchs-System zu investieren. Das Konzept bietet Handlungsempfehlungen für den Zeitraum bis 2020.

Zugegeben, es ist einige Zeit ins Land gegangen, seit die 100 prozent erneuerbar stiftung das Mandat erhalten hat: Vor 13 Monaten stimmten Landrat, Oberbürgermeister, Bürgermeister, Kommunalwerk-Chefs, Bankenvertreter, Genossenschaftsvertreter, NGO-Vertreter und weitere Persönlichkeiten des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen dafür, uns mit der Konzepterstellung für ein echtes Direktstrom-Modell zu beauftragen. Zu jener Zeit lagen erste Gespräche aber schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Dabei erschienen uns allen, glaube ich, einige Begegnungen wie Blind Dates ohne Funken.  Was in Gottesnamen will diese Stiftung hier? Aber auch in China geht man die ersten sechs Monate immer nur trinken, bevor die Verträge gezeichnet werden. Geduld führt zu Vertrauen.

Eine ganze Reihe langer, sehr langer, Bahnreisen später hat es jedenfalls doch noch gekribbelt. Nach über drei Stunden in einem Saal der Landvolkshochschule Pappenheim, viel Input, ebenso vielen Fragen, einer wirklich angeregten Diskussion und dem Hinweis, dass wir nicht nach „Altmühlfränker -“, sondern wenn schon, dann nach „Altmühlfränkischen Machern“ suchen würden, war Montag Abend gegen 21:30 Uhr klar: Weiter geht’s!

Zu unserer Überraschung und Freude sind es die Stadt- und Kommunalwerke Weißenburg, Gunzenhausen und Treuchtlingen, die nun in einem nächsten Schritt mit einer Hochschule und uns erforschen werden, wie groß die „Zahlungsbereitschaft“ der Menschen in den rund dreißig Gemeinden des Landkreises ist. Damit ist gemeint, dass wir gemeinsam ein „Diskretes Entscheidungsexperiment“ (Discrete Choice Experiment, DCE) designen und durchführen. Die aufwändige Methode erlaubt es uns, das immer gleich scheinende Produkt Strom mit diversen Qualitätsmerkmalen zu versehen und in verschiedenen Kombinationen nebeneinander stehend von den Stromkunden bewerten zu lassen: „Stellen Sie sich vor, der Strom, den Sie bald erhalten werden, entsteht zu 40 Prozent in Solaranlagen, zu 30 Prozent in Windmühlen und zu 10 Prozent in Bioenergie-Anlagen, die allesamt in Ihrem Landkreis stehen. Der restliche Strom kommt aus skandinavischer Wasserkraft. Stellen Sie sich vor, Sie können sich am Betrieb der Anlagen finanziell beteiligen. Stellen Sie sich vor, Ihr Kommunalwerk investiert einen Cent jeder Stromeinheit, die Sie kaufen, in die Modernisierung des Stromnetzes vor Ihrer Tür. Und stellen Sie sich vor, die Stromeinheit kostet 30 Cent, wird aber nicht teurer.“ Oder: „Stellen Sie sich vor, der Strom kommt zu 100 Prozent aus Wasserkraft in Skandinavien, die Windmühlen in Ihrer Region gehören französischen Investoren, Ihr Kommunalwerk kauft Graustrom an der Börse in Leipzig und die Stromeinheit kostet 26 Cent, wird aber jedes Jahr einen Cent teurer.“ So oder so ähnlich werden weitere Variationen aussehen, die wir den Befragten in verschiedenen Kombinationen aus jeweils zwei denkbaren und einem schon vorhandenen Stromprodukt, dem „Default“ vorlegen werden.

Vom Ergebnis der Befragung wird abhängen, ob die Akteure Altmühlfrankens den nächsten kooperativ-unternehmerischen Schritt wagen werden. Sind die Bürger theoretisch bereit, für das regionalste aller denkbaren Stromprodukte zu bezahlen, dann werden alle kommunikativen, technischen und finanziellen Kräfte gebündelt, um, wiederum von den Bürgern begleitet, Schritt für Schritt eigene regenerative Kraftwerke zu errichten, selbst zu betreiben und den Strom selbst zu vermarkten; zuerst Solaranlagen, dann Windmühlen, dann kleinere Bioenergie-Anlagen. Später können neue, wirtschaftlich gewordene Technik-Innovationen integriert werden. Dazu muss das Stromsystem immer wieder analysiert werden, müssen Anpassungen möglich sein. Und genau hier liegt der Vorteil eines modular wachsenden Regionalstrom-Systems, dessen Basis ein programmierter Algorithmus ist.

Warum dieser Aufwand? Ziel des Projekts ist es, Stromüberschüsse zu minimieren oder, anders formuliert, so viele der in Altmühlfranken erzeugten Elektronen wie möglich direkt in Altmühlfranken zu verkaufen und zu verbrauchen. Dadurch wird bald jeder Handgriff, der für Strom in der Region nötig ist, von einem Menschen in der Region getan und jeder Strom-Cent von einem Altmühlfranken zum nächsten gereicht: Ein regionaler Geldkreislauf mehr für die Region; und weniger Strom, der in die überregionalen Netze drückt, weniger Strom, den die Region importieren muss. Ziel ist natürlich auch, andere Regionen mit der Regionalstrom-Strategie vertraut zu machen. Ziel ist aber vor allem, das Projekt Energiewende so zu gestalten, dass jemand davon profitiert, der es verdient: Wir alle. Es könnte sich natürlich noch herausstellen, dass eine zentrale Energiebörse bald sehr an Einfluss verlieren könnte, wenn mehr und mehr Regionen eigene Vermarktungswege gehen. Und ganz nebenbei verliert auch die Frage nach dem zukünftigen Marktdesign, die derzeit Umwelt- und Wirtschaftsministerium, Verbände, Think-Tanks und NGO umtreibt, ihre Relevanz.