En Garde, Anhalt!

Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind“, so der französische Regisseur Romain Gary etwas abfällig. Die Region Anhalt hat sich vor etwa einem Jahr entschlossen, das Thema Energie unter Nutzung des Avantgarde-Begriffs voranzutreiben. Wohin aber will Anhalt dabei?

Erste Hinweise, vergleichsweise bodenständig, hat die Werkstatt Energie und Innovation im Umweltbundesamt, dem Ort des Blauen Engels, nun in Dessau geliefert. Thema dort war „regionale Energie“. Neben den Initiatoren des Projekts Energieavantgarde-Region Anhalt wurde die Region durch Vertreter wichtiger Solar- und Speicherunternehmen, des Wirtschaftsministeriums des Landes, der Stadtwerke Dessau, des Fraunhofer ICT und des Umweltamtes Dessau-Roßlau repräsentiert. Konkret präsentierte die 100 prozent erneuerbar stiftung das Konzept zur Entwicklung eines konsequent regionalen Ökostromproduktes, dessen Umsetzbarkeit dann  diskutiert wurde. Avantgardistische Züge trägt dieses Konzept dadurch, dass eine Region demnächst den Versuch unternehmen könnte, Strom aus erneuerbaren Energieanlagen, die sich in der Region befinden, an Menschen zu verteilen, die in der Region wirken – Elektron für Elektron. Das gibt es bislang nirgendwo in einem Industrieland.

Regionale Wärme und Effizienz sind wichtig – aber nicht Avantgarde

Thema in der Diskussion war auch die Frage, ob die wichtigen Energieaspekte Wärme und Energieeffizienz in das Regionalstromkonzept integriert werden sollten. Was bei der Wärmeerzeugung selbstverständlich ist – Eigenerzeugung und Verbrauch, bzw. „Fernwärme“, die bei meistens nicht mehr als 10 Kilometer pro Strang eigentlich immer „Nahwärme“ oder „Lokalwärme“ genannt werden müsste, soll nun bei elektrischer Energie nachgeholt werden. Und dies ist ganz und gar nicht selbstverständlich. Denn, anders als bei der Versorgung mit heißem Wasser und Raumwärme, haben sich in Europa gewaltige nationale „Fernstromnetze“ entwickelt. Regionale Wärme ist also Realität, der Effizienzgedanke längst in der Welt. So wichtig deren Betrachtung ist – drei Viertel unseres Energiebedarfs besteht (noch) nicht aus Strom –, was auf konzeptioneller Ebene fehlt, um die Energiewende zu vollenden, ist ein avantgardistisches Strombewusstsein, Neugestaltung von unten. Denn nun sind sie da, die lokalen Stromerzeuger – und verlangen nach systemischer Erneuerung.

Geradezu unerhört erscheint es den Protagonisten des alten Systems da, dass das Prinzip der Fernstverteilung elektrischer Energie seit geraumer Zeit durch kleine, vergleichsweise ungefährliche, emissionsfreie Stromerzeuger gekippt werden könnte. Folglich fordern sie, das „Fernstromnetz“ aufrecht zu erhalten, die Erneuerbaren schlichtweg zu integrieren, z.B. im Namen der europäischen Einheit oder der Versorgungssicherheit.

Das Regionalstrom-Konzept fordert dieses Denken heraus – ganz im Sinn alter Avantgarde. Wenn die richtigen Erneuerbaren kombiniert werden, wenn regionale Akteure die Verantwortung für die Erzeugung, die Verteilung und die Stromnutzung übernehmen, wenn sie die Bürger als Partner für die Stromerzeugung, für die Planung, für Investitionen und als bewusste Konsumenten gewinnen, dann entstehen neue regionale Strommärkte. Diese werden den Übertragungsnetzausbau deutlich reduzieren, werden für das richtige Anlagenportfolio im Sinne eines dezentralen Ausbaus erneuerbarer Energien in jeder Region sorgen, werden einen Teil zur Reaktivierung ländlicher Regionen als Standorte für qualifizierte Arbeit beitragen und damit regionale Geldkreisläufe stärken. Und: Regionale Strommärkte werden politische Signale senden.

Wie könnte es weitergehen?

Sollte sich bei den kommenden Arbeitsgesprächen unter Mitwirkung der 100 prozent erneuerbar stiftung in Anhalt der Regionalstrom-Ansatz konkretisieren, so wären eine Reihe nächster Schritte denkbar: Wichtige Grundlage für die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit eines regionalen Stromproduktes sind Zahlen, die Auskunft über die realen Strombezüge der Verbraucher und über die bereits bestehenden erneuerbare Energien-Anlagen und deren reale Einspeisungen geben. Auf Basis dieser Daten kann, in Kombination mit den gegebenen gesetzlichen Rahmenbedingungen und Annahmen zu deren Entwicklung, ein Preis für Strom aus regionaler Grünstromerzeugung berechnet bzw. prognostiziert werden. Darüber hinaus kann ermittelt werden, welches Anlagenportfolio auf mittlere bis lange Sicht errichtet werden sollte, um den Strom dann zu erzeugen, wenn die entsprechende regionale Nachfrage besteht. Es soll also kein bilanzielles, sondern ein an der Stromnachfrage zu jeder Zeit orientiertes Produkt entwickelt werden. Auf diese Weise kann das Stromprodukt zu einem Großteil direkt in der Region genutzt werden. Große, preistreibende Stromüberschüsse, deren Vermarktung der regionale Kunde mitbezahlen muss, können vermieden werden.

Ein regionales Stromprodukt kann stufenweise, zum Beispiel in Fünf-Prozent-Schritten, entwickelt werden. Eine kleine Anzahl Stromkunden kann schon bald mit einem Stromprodukt beliefert werden, dass einen kleinen regional erzeugten Stromanteil aufweist. Wie hoch der Anteil zu Beginn sein wird, hängt davon ab, in welchem Maß die regionalen Akteure, Kommunalwerke, Energiegenossenschaften, Kommunen, ansässige Unternehmen, regionale Bankinstitute und deren Beteiligungsangebote an die Bürger, von Beginn an in Neuanlagen investieren. Die restliche Strommenge wird, wie bislang bei anderen Ökostromprodukten üblich, in die Region importiert. Mit jeder Anlage, die in der Region für das Produkt neu errichtet wird, sinkt der Anteil importierten Stroms und steigt die Anzahl der versorgten Haushalte.

Der Preis für das Stromprodukt besteht grob aus drei Bestandteilen:

  1. Dem Preisanteil, der sich aus der Bereitstellung regionaler erneuerbarer Energien ergibt,
  2. dem Preisanteil, der sich durch den Verkauf von Stromüberschüssen ohne EEG-Vergütung an der Strombörse ergibt und
  3. dem Preisanteil für den Import, also den Zukauf zertifizierten Graustroms, ebenfalls an der Strombörse.

Der erste Anteil ist derzeit noch abhängig von der Höhe der EEG-Vergütung, weil die Finanzierung in Kraftwerke diese zugrunde legt. Eine Kilowattstunde Strom muss also mindestens zu dem Preis aus aktueller EEG-Vergütung verkauft werden. Es ist allerdings nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses Bewertungskriterium nicht mehr greifen wird. Denn die Vergütung sinkt teils langsam, teils sehr schnell und immer in Abhängigkeit vom erfolgreichen Ausbau der Erneuerbaren (das Prinzip der Degression) in die Tiefen der Bedeutungslosigkeit. Eventuell muss der Gesetzgeber in Kürze prüfen, welche Grundvergütung für Strom an Stelle der EEG-Vergütung angeboten werden muss, um einen Anreiz für zukünftige Investitionen in den Neubau von Anlagen zu setzen.

Der zweite Anteil, Stromüberschüsse aus Wind- teilweise auch aus Solarenergie, gilt es zu minimieren, um möglichst wenig Strom bei einem vermutlich sehr niedrigen Börsenstrompreis verkaufen zu müssen, weil er in der Region nicht nachgefragt wurde. In einem späteren Schritt, dann nämlich, wenn benachbarte Regionen ebenfalls ihre regenerativen Bilanzkreise optimieren, kann dieser Anteil im Rahmen eines Interregionen-Konzepts für ein gezieltes Angebot an urbane Verbrauchszentren genutzt werden. Dort ist man auf den Strom aus den ländlichen Regionen angewiesen. Bis dahin jedoch ist spontaner Stromüberschuss eine Steilvorlage für Netzausbau-Fans.

Den dritten Anteil des Stromproduktes, den Zukauf von Strom, gilt es kontinuierlich zu reduzieren. Denn die Preisentwicklung außerhalb der Region ist schwer vorherseh- und damit kalkulierbar. Weil die Herkunft des Stroms nicht nachvollziehbar ist, reduziert sein Anteil eventuell die Akzeptanz, in jedem Fall aber die Sinnhaftigkeit des regionalen Stromprodukts. Regionalität bedeutet daher Transparenz auf zwei Ebenen: Zum einen wird eindeutig belegbar, wo der Strom erzeugt wird, den der regionale Kunde erhält. Zum anderen wird der Preis des Stromprodukts dauerhaft vorhersehbar und stabil. Äußere Einflüsse, geopolitische Spannungen, Versorgungsengpässe, strategische Winkelzüge großer Konzerne, werden minimiert.

Eine herausragende Bedeutung für den Erfolg bei der Einführung eines regionalen Stromprodukts haben neben dem Preis die Aspekte Beteiligung und Kommunikation. Daher empfehlen wir eine frühzeitige Informationskampagne, die es leistet, den Wert eines regionalen Stromprodukts zu vermitteln. Damit gelingt die Abgrenzung von einem bilanziellen, zertifizierten Graugrünstrom-Import-Produkt. Noch weiter im Vorfeld kann die Befragung der Bürger von Bedeutung sein, um die potenzielle Nachfrage nach dem regionalen Stromprodukt zu evaluieren, bevor wichtige Investitionsentscheidungen gefällt werden. Derzeit favorisieren wir hierfür sogenannte Diskrete Entscheidungsexperimente (Discrete Choice Experiments, DCE). Abhängig vom Befragungsdesign können hierbei Produktvarianten nach dem Motto „Stellen Sie sich vor, Ihr Strom hätte folgende Merkmale…“ in diversen Varianten abgefragt werden.

Mit der Region Anhalt bietet sich die Chance, den Avantgarde-Begriff neu zu beleben und von seiner besten Seite zu beleuchten. Gleichzeitig ist mit der Nutzung des Begriffs in Zusammenhang mit der Energiewende ein hoher Anspruch gesetzt. Die Region will voranschreiten, hat mit erneuerbaren Energien – dezentral gedacht – aber auch das pluralistische Nebeneinander von Interessen zu beachten. Vielleicht verschmelzen in Anhalt ja demnächst die Begriffe Avantgarde und Kooperation zu etwas ganz Neuem.