Flaschenhals Netz? Genau hinschauen lohnt sich!

Das erneuerbare Energie-Beratungsunternehmen Ecofys hat im Auftrag der Smart Energy for Europe Platform (kurz SEFEP), wiederum ein gemeinsames Projekt der European Climate Foundation und der Stiftung Mercator) einen Blick auf die Erneuerbaren bis 2030 geworfen. Der Fokus der jüngst erschienen Studie lag auf der Frage, welchen Einfluss die Umsetzung der ambitionierten Netzaus- und -umbaupläne bzw. deren Verzögerung auf die Kostenentwicklung eines Gesamtsystems mit hohen Anteilen an erneuerbaren Energien hat. Der Netzausbau gilt weithin –  wie auch in zahlreichen vergangenen Studien – als notwendige Bedingung für die Integration hoher erneuerbarer Energie-Anteile. Und man erinnert sich: Der „Flaschenhals“ Netz ist gerne auch mal das Argument dafür, einen Verlangsamung des erneuerbare Energie-Ausbaus zu fordern. Prominenter und einer der lautesten Vertreter dieser Forderung ist beispielsweise EU Energiekommissar Günther Oettinger.

Doch nicht nur hochdotierte Politiker (vom „Fach“), auch zahlreiche, den erneuerbare Energien durchaus sehr wohlgesonnene Think-Tanks und Beratungsunternehmen haben in den vergangenen Jahren gebetsmühlenartig für einen schnellen Netzausbau geworben, darunter auch die SEFEP selbst. Und so waren die Auftraggeber nun – wie sie im Vorwort eingestehen – umso erstaunter ob der Ergebnisse: „High shares of renewable energy can be achieved, even if the grid expansion is substantially delayed“ (Hohe Anteile an erneuerbaren Energien können selbst dann erreicht werden, wenn sich der Netzausbau wesentlich verzögert). Dies möchte man zwar nicht als generelles Plädoyer gegen einen Netzausbau verstanden wissen, denn der mache das System insgesamt stabiler und sei alles in allem dennoch der günstigste Weg, hohe erneuerbarer Energie-Anteile zu integrieren. Aber selbst bei stark verzögertem Netzausbau steigen die Kosten für das Gesamtsystem in den Simulationen nur moderat um 0,8 bis 3 % gegenüber den Kosten eines Szenarios mit starkem Netzausbau. Die Kostenunterschiede sind wiederum abhängig vom Einspeiseprofil zukünftiger erneuerbarer Energie-Kapazitäten (sprich dem Verhältnis zwischen Photovoltaik und Windenergie und etwa der eingesetzten Technik, also eher auslastungs- oder leistungsorientierten Windenergieanlagen) und von deren konkreten Standorten. Es sei allerdings nicht gerechtfertigt, so ein wichtiges Fazit für die Politik, Unsicherheiten bezüglich des Netzausbaus als Begründung für ein Ausbaustopp erneuerbarer Energien heranzuziehen.

Und ein weiterer Mythos wird in der Studie widerlegt: „Windenergie sollte dort gebaut werden, wo der Wind weht, und Solarenergie dort, wo es sonnig ist.“  Dieser vereinfachende Slogan – so die Auftraggeber – reduziere die Komplexität des Transformationsprozess hin zu einem regenerativen Energiesystem auf eine einzige Dimension: dem natürlichen Dargebot von Sonne und Wind. Tatsächlich seien aber weitere ökonomische wie nicht-ökonomische Faktoren ebenso wichtig. Die Verfügbarkeit von Flächen, Pachtkosten, bestehende Netzinfrastrukturen, die Kapitalkosten der Projekte, die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte, Investitionssicherheit, soziale Akzeptanz oder das Bestreben, Regionen wirtschaftlich zu stärken bzw. deren Energieversorgung unabhängiger zu machen usw. sind nur einige dieser Faktoren. All das wird jedoch gerne ausgeblendet, wenn es darum geht, mit leicht nachvollziehbaren Aussagen („Windanlagen dorthin bauen, wo der Wind auch weht“) die eigentlichen Absichten zu verschleiern – nämlich den zügigen Ausbau der Erneuerbaren zu behindern.

Ein für die Auftraggeber ebenso bemerkenswertes Ergebnis: Das Szenario mit einem stärkeren Ausbau der Windenergie im weniger windigen Süden Deutschlands zeigt sich gegenüber dem Fall eines verzögerten Netzausbaus sogar als robuster, d.h. systemverträglicher. Das Ausspielen der „Netzkarte“ gegen die Erneuerbaren wird allerdings nicht erst durch die Ecofys-Studie sachlich widerlegt. Schon im Mai hatte die Agora Energiewende  in ihrer von der Consentec GmbH durchgeführten Auftragsstudie zu kostenoptimalen Ausbaupfaden erneuerbarer Energien festgestellt, dass unter alleiniger Kostenbetrachtung bis 2023 der Netzausbau unkritisch sei (vgl. S. 11f). Ins gleiche Horn stoßen auch Prof. Dr. Christian Hirschhausen, Infrastrukturökonom an der TU Berlin und Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, und der Wiesbadener Wirtschaftsprofessor Dr. Lorenz Jarass, der bereits im letzten Jahr mit seiner Publikation „Welchen Netzumbau erfordert die Energiewende?“  den Netzentwicklungsplan als völlig überdimensioniert und damit unwirtschaftlich kritisierte.

Worauf einige der genannten Autoren bereits hinwiesen, bestätigt sich nun eindrucksvoll in der SEFEP-Ecofys-Studie: Weniger Netzausbau resultiert sogar in geringeren CO2-Emissionen. Die Erklärung: Die unflexiblen Braunkohlekraftwerke können bei verstärkten  Netzkapazitäten selbst im Falle von viel Solar- und/oder Windstrom durchgefahren werden. Sie weisen allerdings von allen fossilen Kraftwerkstypen ausgerechnet die höchsten Emissionen auf. Vom Netzausbau – auch wenn immer wieder die Erneuerbaren als Begründung herhalten müssen – profitieren vor allem die durch die „Energiewende“ gefährdeten unflexiblen, fossilen Kraftwerke. Der von den Kraftwerksbetreibern viel beklagte Verfall der Börsenpreise angesichts des angeblich „überschüssigen“ Grünstroms ist eigentlich nur die logische Konsequenz und Ausdruck des bereits seit Jahren angemahnten Systemkonflikts zwischen fossilen Grundlastkraftwerken und fluktuierenden erneuerbaren Energien sowie der bestehenden fossilen Überkapazitäten. Wer aber eine Energiewende möchte, für den sollte eigentlich auch außer Frage stehen, welcher Strom vorrangig in die Netze gehört. Und so klingen die Sätze des Spiegel Online-Autors Stefan Schultz wie eine deutliche Mahnung an die Politik: „Der in der Bevölkerung unbeliebte Bau neuer Leitungen dürfte noch unbeliebter werden, wenn sich herumspricht, dass man die Strippen nicht nur für den neuen Ökostrom braucht, sondern auch, weil Strom aus schmutziger Braunkohle die Netze verstopft“.

Es ist überhaupt merkwürdig, mit welcher Behäbigkeit das noch 2011 zur Chefsache erklärte „Gemeinschaftswerk Energiewende“ von der Bundesregierung vorangetrieben wird. Sie wird nicht nur den Reibungsverlusten zwischen Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium angelastet werden dürfen. Es ist jedoch langsam an der Zeit,  den „Blindflug“ der Bundesregierung (so der ehemalige Leiter des Fraunhofer IWES, Prof. Schmid, noch in der November-Ausgabe 2012 der Neuen Energie) in wichtigen Fragen der Energiewende zu beenden. Was man dazu bräuchte, das kann einem sogar jeder halbwegs an der Materie interessierte Nicht-Ingenieur sagen. Wie wäre es beispielsweise mit einem GIS-gestützten Simulationstool, das die Netztopologie und die Netzdaten der Betreiber (man hört es munkeln, die wüssten selbst manchmal nicht so genau, was eigentlich in ihren Netzen los ist), Kraftwerksstandorte, zu erwartende Lastgänge auf den entsprechenden Netzebenen, meteorologische Bedingungen, Anlagencharakteristika von erneuerbaren Energien, zu erwartende Börsenpreise etc. berücksichtigt, um endlich Klarheit in die immer wieder von neuem aufkeimende Streitfragen zu bringen. Wäre ein solches – zweifelsohne auch komplexes – Tool zudem noch für alle interessierten Stakeholder frei zugänglich, die Eingangsvariablen veränderbar und alle Grundannahmen transparent, hätten wir genau das, was einer aufgeklärten Wissensgesellschaft gut zu Gesicht stünde und die Akzeptanz für die Transformation durchaus steigern dürfte. Die Kosten dafür sind vermutlich Peanuts im Vergleich zu den Kosten, die die Öffentlichkeit für etwaige Fehlplanungen und falsche Weichenstellungen langfristig tragen müsste.