„Wir sind die Bürgerenergie – und wir sind stark“

Die Energiewende wird in der Region umgesetzt. Dort schließen sich immer mehr Akteure der Bürgerenergie zusammen. Wir brauchen Vernetzung, meinen Verena Ruppert vom Landesnetzwerk Bürgerenergiegenossenschaften Rheinland-Pfalz e.V. und Michael Welz von der BürgerEnergie Thüringen e.V. im Gespräch.

Wieso braucht es regionale Netzwerke der Bürgerenergie?

Welz: Wir sind aus der Diskussion über die Übernahme des Stromnetzes in Thüringen entstanden. Eine Gruppe von Aktiven hat überlegt, wie sich Bürgerinnen und Bürger aus Thüringen am Stromnetz beteiligen können. Solche Themen können einzelne Akteure vor Ort nicht stemmen. Dazu brauchen wir das Netzwerk. Aktuell arbeiten wir in der BürgerEnergie Thüringen am Projekt „Thüringer Landstrom“. Wir wollen eine Lösung, wie wir den Strom aus den Anlagen der Bürgerenergie an die Mitglieder der Genossenschaften bringen. Wir haben die Marke „Thüringer Landstrom“ gesichert und wollen das Gefäß nun mit Inhalt füllen.

Ruppert: Der direkte Nutzen für unsere Mitglieder im Landesnetzwerk ist der Know-How-Transfer. Bei uns geht es zurzeit stark um neue Geschäftsfelder für Energiegenossenschaften. Wie können in der Zukunft erfolgreiche Geschäftsmodelle aussehen? Es geht auch darum, Ideen von anderen aufzunehmen und weiterzuentwickeln, zum Beispiel der Netzkauf. Immer mehr Kommunen und Energiegenossenschaften wollen die Strom- und Wärmenetze wieder selbst betreiben und eine bürgernahe, umweltfreundliche und wirtschaftliche dezentrale Energieversorgung umsetzen.

Welz: Wir haben gerade das Angebot, uns an einem Windpark zu beteiligen. Für einzelne Genossenschaften ist das eine Nummer zu groß, deshalb überlegen wir gerade die Gründung einer ARGE

Verena Ruppert ist Geschäftsführerin des Landesnetzwerkes Bürgerenergiegenossenschaften Rheinland-Pfalz e.V., zu dem 21 Energiegenossenschaften gehören.

Ruppert: Unsere Erfahrung ist auch: Wir werden gemeinsam viel wahr- und ernstgenommen, in der Politik, zum Beispiel bei Verbänden wie dem Städte- und Gemeindebund, im Energiebeirat des Landes. Wir verkörpern eben die gesammelte Kompetenz vieler Bürgerenergie-Akteure.

Aus welchen Motiven beteiligen Sie sich am Bündnis Bürgerenergie?

Michael Welz ist Vorstand der BürgerEnergie Thüringen e.V., dem Dachverband Thüringer Energiegenossenschaften.

Michael Welz: Unser Interesse ist, dass die Bürgerenergie bundesweit und vor allem in der Politik in Berlin Thema wird – und die Bürgerenergie sich in ganz Deutschland weiterentwickelt.

Verena Ruppert: Die politische Arbeit ist sehr wichtig. Die Bundesgesetze setzen den Rahmen für Energiegenossenschaften und andere Akteure der Bürgerenergie, etwa durch das Erneuerbare Energien-Gesetz. Wir brauchen deshalb eine Organisation, die Bürgerbeteiligung bei der Energiewende in den Fokus der Entscheider rückt und sich dafür einsetzt.

Welz: Wir brauchen Zugänge zu Verantwortlichen in Politik, in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Bürgerenergie ist ein neues Feld, das sich schnell entwickelt hat, verbunden mit vielen rechtlichen, technischen, finanziellen und wirtschaftlichen Fragen. Und es ist ein gesellschaftliches Projekt. Die Energiewende steht für einen gesellschaftlichen Wandel zu einem nachhaltigen Wirtschaftsmodell, bei dem die Menschen im Mittelpunkt stehen.

Was erwarten Sie von dem bundesweiten Bündnis?

Ruppert: Es kann die regionalen Akteure zusammenbringen, ihren Austausch fördern und die Kräfte bündeln. Wir haben gemeinsame Themen, es gibt in allen Regionen ähnliche Entwicklungen. Und ein Gemeinschaftsgefühl entsteht: Wir sind die Bürgerenergie – und wir sind stark.

Welz: Wir arbeiten gemeinsam an einer Sache und an einem Ziel – aber wir tun es einzeln vor Ort. Die meisten Menschen, die sich für Bürgerenergie engagieren, tun dies ehrenamtlich. Wenn wir uns bundesweit vernetzen, können wir voneinander lernen. Wie können wir konstruktiv die Energiewende in Bürgerhand umsetzen? Diese Frage können wir nur gemeinsam beantworten.

Ruppert: Das Bündnis soll die Anregungen, Sorgen und Nöte der Akteure vor Ort aufnehmen und bearbeiten. Gleichzeitig muss es in die Regionen zurückwirken, Lösungen und Modelle erarbeiten. Zurzeit setzen wir uns beispielsweises für den Direktverbrauch im neuen EEG 2014 ein: Mieter in Mehrfamilienhäusern, kleine und mittlere Unternehmen sollen weiter die Möglichkeit haben, grünen Strom aus gemeinschaftlich finanzierten Anlagen in direkter räumlicher Umgebung günstig zu beziehen. Die bisherigen Pläne von Wirtschaftsminister Gabriel sehen das nicht vor – im Gegenteil: Bürgerenergie wird ausgebremst.

Wie geht die Vernetzung im Bündnis Bürgerenergie weiter?

Ruppert: Die regionale Vernetzung ist die Basis für ein Bündnis, das die Interessen der Bürgerenergie vertreten will. Je mehr lokale, regionale und bundesweit agierende Netzwerke, Organisationen und Unternehmen der Bürgerenergie sich zusammenschließen, umso stärker werden wir. Es gibt in einigen Bundesländern bereits Netzwerke und Vereinigungen – und es entstehen Neue. In Bayern etwa gründet sich gerade die „Bürgerenergie Bayern e. V.“

Welz: Wir wollen, dass sich die Akteure kennenlernen und sie für das Bündnis gewinnen. Noch im Frühjahr planen wir ein Vernetzungstreffen. Und im Herbst veranstalten wir einen großen Bürgerenergiekonvent.

Wo steht die Bürgerenergie in fünf Jahren? Was ist Ihre Vision?

Welz: Die Energiewende mit Beteiligung der Bürger wird weitergehen. Wir wollen, dass die Energiewirtschaft transparent wird. Welche Energie benutze und verbrauche ich? Und wie kann ich als Bürger teilhaben am Energiemarkt?

Ruppert: Der Energiemarkt wird umgebaut, so dass der Blick von der dezentralen Energieversorgung ausgeht. Die Menschen verbrauchen den Strom, der regional und erneuerbar erzeugt wird.

Dieser Artikel ist aus dem Bürgerenergie-Spezial des Magazins energiezukunft. Es erscheint Anfang Mai.