Regenerative: Rückschritt bei der Systemintegration

Peter Glasstetter, Referent der 100 prozent erneuerbar stiftung, hat für das Magazin energie & management einen Gastartikel veröffentlicht:

Bei den geplanten Ausschreibungen allein auf den niedrigsten Preis für die erzeugte Kilowattstunde Ökostrom zu setzen, ist das falsche Ziel. Entscheidend sind die Kosten des Gesamtsystems. Und die sind bei einem guten Mix niedriger, analysiert Peter Glasstetter*.

Als im Juli der Bundesrat die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes passieren ließ, war klar: Der deutsche Energiemarkt steht vor einem Epochenwandel. Mit der Festlegung, die finanzielle Förderung von erneuerbarem Strom in Ausschreibungen zu bestimmen, schwenkt der Gesetzgeber von einer Preis- auf eine Mengensteuerung von erneuerbaren Energien um. Mit der Entscheidung treten alle Grundsatzüberlegungen über die Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens in den Hintergrund, und der energiepolitische Diskurs fokussiert nur noch die Details des Ausschreibungsdesigns.
Tatsächlich wird bei der Lektüre des ersten Eckpunktepapiers des Wirtschaftsministeriums schnell deutlich, dass weiterhin gewichtige Fragen offen sind. Die entscheidende Aufgabe ist, die Erzeugung des erneuerbaren Stroms so anzureizen, dass er möglichst gut ins Gesamtsystem passt und dessen Kosten möglichst niedrig bleiben. Dies lässt sich nicht ohne eine ausgewogene geographische Verteilung und ohne einen guten Technologiemix erreichen.

Fokus auf die billige Kilowattstunde statt auf die Systemkosten
Doch solche Aspekte will der Auktionator offenbar zunächst nicht berücksichtigen. Das ist verwunderlich, denn in bisherigen Novellen des EEG standen sie stets im Vordergrund: Sowohl der inzwischen wieder gestrichene Systemdienstleistungsbonus als auch die mittlerweile obligatorische Direktvermarktung hatten und haben das Ziel, die Erbauer von Erneuerbaren-Anlagen dazu zu bringen, ihren Strom so zu produzieren, dass er möglichst gut ins System integriert werden kann. Die Direktvermarktung mit der Marktprämie soll Investoren dazu animieren, ihre Anlagen möglichst so auszulegen und zu betreiben, dass sie Strom dann erzeugen, wenn er tatsächlich nachgefragt wird. Das Referenzertragsmodell für Windenergie im EEG hat das Ziel, den Bau neuer Anlagen an verschiedenen Standorten zu ermöglichen.
Ausgerechnet bei Ausschreibungen, in denen Systemaspekte grundsätzlich viel besser berücksichtigt werden können, sind dem Wirtschaftsministerium die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten plötzlich wieder egal. Nach dem Willen des Ministeriums soll die ausschreibende Behörde nur die reinen Gestehungskosten für die erzeugte Kilowattstunde beachten. Andere Kosten, etwa für Ausgleichsenergie, Netzanpassung sowie die sozialen Kosten, die sich beispielsweise bei mangelnder Akzeptanz ergeben können, spielen plötzlich keine Rolle mehr. Und das, obwohl sie wesentlich zu den Gesamtkosten des Stromsystems beitragen.

Der Raumfaktor
Bei einer reinen Kostenoptimierung je erzeugter Kilowattstunde gibt es einen Anreiz für Betreiber, neue Anlagen nur noch dort zu bauen, wo der Wind am stärksten weht oder die Sonne am stärksten scheint, und sie so zu bauen, dass sie möglichst viele Kilowattstunden erzeugen. Zugespitzt heißt das: Onshore-Windanlagen würden vor allem an der Nordseeküste entstehen, Solaranlagen vor allem rund um den Bodensee. Das würde aber auch bedeuten, dass das Angebot an Ökostrom auf Null fällt, wenn an der Nordsee der Wind nicht weht und am Bodensee sich eine Wolke vor die Sonne schiebt. Dann müssten ruckartig konventionelle Kraftwerke einspringen.
Ausgleichsenergiekosten sind vor allem von der räumlichen Verteilung der erneuerbaren Anlagen und dem Verhältnis der Erzeugungstechniken abhängig. Eine ausgewogene räumliche Verteilung vermindert nicht jede „dunkle Flaute“, sie trägt jedoch dazu bei, Spitzen zu glätten und Rampen zu mildern.
Auch der Anreiz, beispielsweise Solaranlagen in Ost-West-Ausrichtung zu bauen, um so morgens und abends besonders wertvolle Kilowattstunden zu erzeugen, würde entfallen, wenn allein die Stromgestehungskosten entscheiden.
Zusätzlich stellt sich die Frage nach einem optimierten Verhältnis zwischen den einzelnen Techniken, vor allem zwischen Windenergie und Photovoltaik. Die von einigen großen Marktakteuren favorisierten technologieneutralen Ausschreibungen versprechen auch hier nur auf den ersten Blick Kosteneffizienz. Doch wenn alle Investoren auf die billigste Technik Wind Onshore setzen, wird es bei Flaute einen rapiden Abfall des Ökostromangebotes geben, der sonst durch das Angebot an Sonnenstrom abgemildert werden könnte. Die Kosten je Kilowattstunde würden vielleicht sinken. Aber die gesamten Systemkosten würden steigen.
Nicht nur die Erzeugung, auch der Verbrauch von Energie ist räumlich verortet und in weiten Teilen hochkonzentriert. Beide Punkte gilt es zu verbinden und bei Bedarf bereits bestehende Netzstrukturen an die sich verändernden Erzeugungsstrukturen und -muster anzupassen. Ein Ausschreibungsformat, das keine Rücksicht auf regionale Unterschiede im Sonnen- und Windangebot sowie bei den Verbrauchslastgängen nimmt, führt konsequent zu einem Ungleichgewicht: Es entstehen Regionen, die stundenweise auf dramatische Art und Weise Überschussenergie produzieren. Damit erhöht sich der Bedarf für den Netzausbau oder für Speicher.

Der Netzfaktor
Sollte der Auktionator alleine auf die Gestehungskosten blicken, führt die Konzentration auf die besten Standorte logischerweise zu einem massiven Ausbaubedarf des Übertragungsnetzes. Ob dies in der notwendigen Geschwindigkeit und in dem angenommenen Kostenrahmen zu bewältigen ist, ist fraglich. Vor diesem Hintergrund ist ein räumlich dezentraler Ausbau erneuerbarer Energien die sicherere Variante. Sie ist nicht vom Tempo des Übertragungsnetzausbaus abhängig und reduziert daher das Risiko von Fehlinvestitionen.

Der Faktor Mensch
Nicht zuletzt gilt es, die sozialen Kosten der Energiewende im Auge zu behalten. Wie schnell die Akzeptanz für das vermeintliche Gemeinschaftsprojekt Energiewende brechen kann, zeigen aktuell die Klagen gegen den Übertragungsnetzausbau durch betroffene Bürger und Kommunen. Bei einer Zunahme der räumlichen Konzentration von Windenergieanlagen in windhöffigen Regionen sind weitere Akzeptanzprobleme zu erwarten. Der Politik dürfte es zudem zunehmend schwerer fallen, solche Entwicklungen als alternativlos darzustellen. Akzeptanz als Voraussetzung für geringe gesellschaftliche Kosten der Energiewende lässt sich mit Sicherheit leichter herstellen, wenn aus einer gesamtsystemischen Perspektive auch schwächere Standorte erschlossen, Lasten und Nutzen gleichmäßiger verteilt werden und der Sinn des Wandels unmittelbar erfahrbar wird.

Unterm Strich
Die Ausgleichsenergie, der Übertragungsnetzausbau und die Akzeptanz – die Betrachtung dieser drei Aspekte führt zu der entscheidenden Frage: Ist das wesentliche Ziel der Kosteneffizienz über Ausschreibungen tatsächlich zu erreichen, wenn die räumliche Verteilung der Anlagen dem Zufall überlassen bleibt? Denn aus günstigen Gestehungskosten für die Kilowattstunde Ökostrom resultiert nicht automatisch die beste Lösung für das Gesamtsystem.
Eine zentrale Ausschreibung von erneuerbaren Energien ohne räumliche Steuerung und ohne die Aktivierung regionaler und gesellschaftlicher Kräfte für das Gelingen der Energiewende läuft daher Gefahr, die ursprünglich intendierte Kosteneffizienz deutlich zu verfehlen. E&M