Rhetorik allein genügt nicht

Wagemutige Anhalter betreten mit Unterstützung der 100 prozent erneuerbar stiftung Neuland, das elektrisiert

 

Die 100 prozent erneuerbar stiftung aus Berlin setzt sich für eine konsequent dezentrale Energieversorgung ein. Sie arbeitet als Mittler zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Dabei versteht sie sich als Denkfabrik, in der Wissen und Erfahrungen im Umgang mit erneuerbaren Energien zusammengeführt und gewonnene Erkenntnisse allen Interessenten zur Verfügung gestellt werden. Geschäftsführer ist Dr. René Mono, der sich auf die Arbeitsbereiche Politik und Wissenschaft konzentriert. Der Kommunikationswissenschaftler hat in Wien, Hannover und Pamplona studiert und im Bereich politische Kommunikation promiviert. Im Anschluss war er u. a. für die deutsch-chilenische Handelskammer in Santiago de Chile und den Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft in Hamburg tätig.

 

Herr Dr. Mono, was spricht aus Ihrer Sicht gegen eine zentral gesteuerte und realisierte Energiewende, wie sie aktuell von der Bundesregierung mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vorangetrieben wird?

Der entscheidende Punkt ist, dass das Handeln der Akteure in einer überschaubaren Region für sie selbst einen Sinn bekommt. Das ist äußerst wichtig für die  Ausgestaltung der Energiewende. Hinzu kommt das Thema der Gerechtigkeit. Bei einem dezentralen Vorgehen können Entscheidungen tatsächlich ausgehandelt und auch das Verhältnis von Kosten und Nutzen kann besser abgewogen werden. Das ist eine Form der Demokratisierung, die gern unterschätzt wird. Letztlich sind es die gesellschaftspolitischen Aspekte, die für eine dezentrale Energiewende sprechen. Das gern zitierte Argument, eine zentrale Energiewende sei ökonomisch günstiger, ist definitiv eine Fama, denn dezentrales Handeln ist nicht teurer, dafür aber in jedem Fall durch die Flexibilisierung besser für die Region.

Ihre Argumentation klingt gut, scheint sich aber insbesondere auf politischem Parkett nicht durchzusetzen. Sind Sie zu Ihrer Expertise schon von einem Energiepolitiker des Bundes konsultiert worden?

Ja, wir werden um Rat gefragt. Wir haben in diesem Jahr sogar das Bündnis Bürgerenergie mitgegründet, um unserer Expertise Nachdruck zu verleihen. Das Bündnis versteht sich als Vordenker der dezentralen Energiewende und streitet dafür, die Energiewende in die Hände der Bürger zu legen.

War das nötig, weil Ihre Überlegungen nicht berücksichtigt werden?

Rhetorisch werden wir schon anerkannt, da sind wir sehr zufrieden. Aber in der Tat sieht das dann ganz anders aus. Auch in den jüngst verabschiedeten Gesetzen werden unsere Erfahrungen ignoriert. Das entmutigt uns aber nicht, sondern wird von uns als eine Einladung verstanden, unsere Strategie zu überdenken, zumal unterdessen die erneuerbaren Energien längst wettbewerbsfähig sind. Deshalb können wir unabhängig von der Politik die Umsetzung unserer Ideen vorantreiben. Erneuerbare Energien brauchen keine Subventionen mehr. Voraussetzung ist aber, dass sie in einem energiewirtschaftlich sinnvollen Gesamtkonzept ausgebaut werden. Genau damit müssen wir uns beschäftigen, neue Berechnungen anstellen. Und da sind auch neue Akteure gefragt, genau solche, wie wir sie bei der Energieavantgarde Anhalt vorfinden. Denn wir betreten in dieser Beziehung Neuland. Das ist eine Chance für die Zukunft, die aber nur aufgehen wird, wenn wir die Energiewende als regionales Gemeinschaftsprojekt begreifen.

Was haben Sie gedacht, als die Stiftung Bauhaus Dessau Sie einlud, das Projekt Energieavantgarde Anhalt mit auf den Weg zu bringen?

Das Bauhaus elektrisiert einfach. Es ist eine unglaublich starke Marke. Und das Projekt ist absolut wagemutig. Dass sich das Bauhaus dafür interessiert, das hat uns gleich fasziniert. Meines Wissens hat sich europaweit noch keine Region dieser Größenordnung gewagt, die Energiewende aus eigener Kraft umzusetzen. Für uns ist das Bauhaus ein Garant dafür, dass wir – intellektuell gesehen – die Grenzen überschreiten dürfen. Alle Gedanken dürfen diskutiert werden. Das ist großartig. Ich weiß nicht, ob wir uns das bei einem anderen Auftraggeber trauen würden. Wir haben großen Respekt vor der Stiftung und vor den Akteuren, die sich schon gefunden haben.

Jetzt sind Sie schon ein paar Monate in Anhalt unterwegs. Zu welchen Ergebnissen sind Sie bei Ihrer Analyse gekommen?

Wir haben Akteure gefunden, die wohlbedacht und trotzdem mutig sind. Das ist eine Konstellation, die ganz im Sinne des Vorhabens viel erlaubt. Woanders ist es genauso möglich, die Energiewende regional umzusetzen. Das kann prinzipiell jeder. Aber es bedarf regionalen Mutes, es tatsächlich zu tun. Und den haben wir bislang nur in Anhalt gefunden. Das qualifiziert diese Region. Hier gibt es den Willen, den Tatendrang und die Risikobereitschaft, sich dem Neuen zu stellen. Vielleicht, weil man hier schon immer Neues zugelassen hat? Bei diesem sozialkulturellen realen Experiment übernimmt Anhalt, wie schon oft, eine Vorreiterrolle. Es wird darauf ankommen, die Region als solidarisches Gesamtsystem zu verstehen. Erneuerbare Energien sind nicht nur etwas für Besserverdienende. Alle können, ja, müssen sogar mitmachen. Und genau das wird die zu lösende Aufgabe sein.

Wie funktioniert ein regionales Stromsystem überhaupt? Und welche Kosten entstehen dabei dem Verbraucher insbesondere in Anhalt?

Die entscheidende Komponente ist, die Energieerzeugung dem Verbrauch anzupassen. Überschussstrom, den man nicht nutzt, ist der teuerste. Und es gibt ein Problem, wenn Energie fehlt. Unsere zu beweisende Hypothese ist, dass sich die alles entscheidende Anpassung der Nachfrage an das Angebot regional wesentlich leichter erreichen lässt als auf einem zentralen, anonymen Großmarkt. Dazu gehört in erster Linie das Aushandeln, das nur dezentral möglich ist, wenn die Anonymität aufgehoben wird. Ich glaube auch, dass es eine psychologische Komponente gibt, die zwingend zu berücksichtigen ist. Der Einzelne verhält sich verantwortungsbewusster, wenn er seinen Strom selbst erzeugt oder in einer Genossenschaft engagiert ist, die den Strom erzeugt. Das sieht man an den erfolgreichen Bewohnern der Null-Energie-Häuser, die mit überschüssiger Energie ihre Elektroautos aufladen und bei Bedarf, z. B. wenn das Badewasser kalt wird, diese wieder anzapfen. Als Prosument – also Verbraucher, der selbst Produzent ist – ist man eher bereit, sich den Gegebenheiten anzupassen. Wir gehen davon aus, dass ganz neue Berufsfelder entstehen, denn es wird insbesondere darauf ankommen, die gewonnene Energie effektiv zu speichern und zu verteilen. Es wird eine Dichte an neuen Geschäftsmodellen geben wie nirgendwo sonst. Was das technisch und energiewirtschaftlich bedeutet, errechnen wir gerade. Unsere Abschätzung ist, dass wir kurzfristig gesehen nicht 100 Prozent des benötigten Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen können. Man braucht eine Mischung nach der Maxime: So regional wie möglich, so zentral wie nötig. Was das für Anhalt heißt, wollen wir bis zum Jahresende wissen. Nur eine Bedingung ist fix: Es darf nicht teurer als die zentrale Energiewende werden, denn es soll keine Belastung für den Bürger werden, sondern ein zusätzlicher Gewinn.

Welche Herausforderung wird bei diesem Prozess die größte sein?

Es gibt keine zusätzlichen Hindernisse. Es kommt ausschließlich darauf an, alle mitzunehmen. Wir wollen kein gefördertes Leuchtturm- oder Schaufensterprojekt sein, das subventioniert wird. Alles soll aus eigener Kraft gelingen, sodass die Erkenntnisse über die notwendige Vorgehensweise für die Energiewende aus diesem Reallabor auch auf andere Regionen übertragbar sind.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Energieavantgardisten ihr Ziel erreichen?

Ich glaube, es wird gelingen. Wir wissen nur noch nicht wie. Aber der Prozess ist jetzt schon so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr zu stoppen ist. Nach drei Jahren werden wir eine ernsthafte Zwischenbilanz ziehen können. Bis dahin wird schon einiges zu sehen sein.

 

Dr. René Mono im Gespräch mit Maren Franzke und Dr. Babette Scurrell

Das Interview ist ein Auszug aus dem Rundbrief der Energieavantgarde Anhalt „ENERGIA“