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“Erneuerbare müssen her” – Jean-Pierre Rummens berichtet aus Haiti

Dienstag, April 13th, 2010

In den letzten 20 Jahren habe ich so manche Nachwirkungen von Kriegen oder Naturkatastrophen gesehen. Zwei Erdbeben habe ich selbst miterlebt. Die Bilder kenne ich, die sich mir dann bieten. In einem solchen Moment geht es mir nicht darum mir Gedanken zu machen, was ist denn passiert und warum ist es passiert. Beides ist für mich Zeitverschwendung.

Für mich stellt sich die Frage, was kann man jetzt tun. Und wie selten in meinem beruflichen Leben, habe ich mich in Haiti gefühlt wie vor einem Berg zu stehen, der nicht zu überwinden ist. Jedes Projekt ist eine Art  Berg, den es gilt zu bezwingen um Menschen zu helfen. Und es gibt meistens einen Ansatzpunkt. Aber hier in Haiti ist es schwer. Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die auf so engem Raum, so dicht zusammen gefercht und hoffnungslos waren. Menschen hausen unter Plastikfolie. Am Wegrand vom Flughafen bis in die Innenstadt, eine  blaue oder graue Folie nach der anderen. An anderen Stellen gibt es Zelte zwischen denen, ironischerweise große Werbedisplays ragen, die Fotos von einem schönen Zuhause, Mobiltelefonen und von „Maggi“ Lebensmitteln eine heile Welt verheißen.

Kinder betteln am zerstörten Palast um Geld, um Brot. Eine alte Frau sucht in den Trümmern einer kaputten Kirche nach etwas was sie gebrauchen oder verkaufen kann. Der Gestank in der Stadt ist fürchterlich. Den Geruch von Verwesung habe ich seit Afghanistan oder Bosnien immer noch in der Nase. Doch hier mischt er sich mit verfaulten Lebensmitteln und Fäkalien. Denn nicht nur die Wasserversorgung ist zusammen gebrochen, sondern auch die Kanalisation ist kaputt und an vielen Stellen liegen alte Leitungen offen. Ganze Straßen sind deswegen gesperrt. Trotzdem bauen sich Menschen dort einen Unterschlupf, weil sie nicht wissen wohin und ihnen auch  niemand sagt, wohin es gehen könnte.

Was für eine Wohltat ist da doch das Waisenhaus von „Love a Child“ das wir von „Feed the Hungry“ seit Jahren unterstützen. Den Kinder geht es gut. Sie lachen, sind fröhlich, ausgelassen, schneiden Grimassen. Jungs spielen im Hof mit Murmeln nicht mit Nitendo und haben doch mehr Spaß mit den Glaskugeln, als so manches Kind bei uns mit dem letzten Schrei aus dem Spielzeugladen.

Die Kinder sehen gut aus, sind gut ernährt. Ein kleines Mädchen nimmt mich in Beschlag und lässt mich nicht mehr los.  Die Kinderzimmer sind sauber, hell und aufgeräumt. Ich bin froh hier zu sein und feststellen zu können, dass unser Geld, (eigentlich ist es ja Ihr Geld) hier gut angelegt ist. Es läuft hier ist in unserem Sinn. Im Lagerhaus ist voller Betrieb. Lebensmittelpakete müssen gepackt werden für die nächste Verteilung. Freiwillige aus der Gegend und Teams aus USA sind da um zu helfen. Ein Team aus Florida ist am Vortag angekommen und baut jetzt einen Spielplatz für die Waisenkinder. Lange sitze ich mit Bobby Burnette zusammen und überlegen was wir tun können. Wir sitzen draußen auf der Veranda und trinken Eistee. Es ist idyllisch dort draußen in „Fond Parisien“. Man vergisst dass hier vor Monaten ein Erdbeben getobt hat. Doch wir kommen schnell wieder zurück auf den Grund meines Besuches. Die Energiepreise sind einfach zu hoch. Diesel wird zu teuer und ist oft nicht verfügbar. Erneuerbare Energien müssen her. Es gibt keinen anderen Weg. Für das Geld das wir dann sparen, können wir viele Kinder aufnehmen, meint Bobby. Genau das ist auch mein Gedanke und der Grund warum ich hier bin. Kinder die jetzt auf der Straße leben, gibt es genug.  Mehr als wir unterbringen können.

Feed the Hungry: Interview mit Jean-Pierre Rummens

Mittwoch, März 3rd, 2010

Am 21. März findet in Mainz ein großes Event zum Start von “Die 4. Revolution – Energy Autonomy” statt: Wir zeigen den Film im Bruchwegstadion und im Anschluss geben 2raumwohnung ein Konzert. Wir machen das nicht, weil es uns sonst zu langweilig wäre. Wir verbinden mit diesem besonderen Abend eine sinnvolle Aktion. Denn erneuerbare Energien können mehr! Sie versorgen uns langfristig und zuverlässig, z.B. mit Strom.

Nach dem unheilvollen Erdbeben von Haiti haben wir beschlossen, eine dortige Krankenstation zu unterstützen. Mit einer Solaranlage. Nun sprechen wir mit Jean-Pierre Rummens über dieses Projekt und seine persönliche Motivation, sich seit Jahren in den Krisenherden dieser Welt zu engagieren:

Herr Rummens, wenn man Sie googlet, stößt man als erstes auf drei Stichworte: Feed the Hungry, Team 112, Mensch des Jahres. Helfen Sie unseren Lesern und klären Sie uns bitte kurz auf. Was verbirgt sich hinter den beiden ersten Begriffen?
Feed the Hungry hat sich zum Zeil gesetzt das Gebot der Nächstenliebe nicht nur fromme Worte sein zu lassen. Wir möchten Menschen die aus was für Gründen auch immer, in Not geraten sind, das nötigste zum Leben geben. Das sind Nahrung, Wasser und ein Dach über dem Kopf, auch wenn das im Fall der Überlebenden des Erdbebens in Haiti, auch vielleicht nur eine Plastikfolie ist, die aber doch etwas Schutz bringt.

„Mensch des Jahres“, eine Auszeichnung vom SWR, wurden Sie aufgrund Ihrer Arbeit in Afghanistan. Was haben Sie dort gemacht?
Gleich nach dem 11. September 2001 bin ich in das Gebiet am Hindukush gereist, weil ein Schlag der Amerikaner gegen Afghanistan zu erwarten war. Tausende von Menschen waren zum einen wegen des Krieges, der Angriffe auf der Flucht, aber auch auf der Flucht vor der Taliban. Damals haben wir ein Zeltlager mit aufgebaut in dem wir jeden Tag 17.500 Menschen drei mal am Tag mit Essen versorgt haben.

Kommen wir zu dem aktuellen Projekt. Zusammen mit 100% erneuerbar verfolgen Sie die Realisierung einer Solaranlage in Haiti. In welcher Beziehung steht das zu „Love a child“?
„Love a Child“ ist eine christliche Arbeit in Haiti. Seit 1989 arbeitet Feed the Hungry schon auf Haiti. Als Organisation haben wir seit dem Tsunami in Süd-Ost-Asien ein Projekt ins Leben gerufen das sich „Every Child, Every Day“ nennt. In Haiti ist „Love a Child“ unserer Partner vor Ort, der sich um Waisen- und Straßenkinder kümmert. Insgesamt versorgen wir dort etwa 2.200 Kinder jeden Tag mit essen, weltweit sind es etwa 25.000. Bis zum Ende 2010 wollen wir 50.000 Kinder versorgen. Um Kinder versorgen zu können, um zu kochen, um Unterricht abhalten zu können, um sie medizinisch versorgen zu können, bedarf es Energie. Wir alle wissen wie teuer Energie hier in Deutschland oder Europa ist. Doch dort in Haiti ist Energie für die meisten unbezahlbar. Und für ein Waisenhaus, für eine Arbeit die so viele Kinder versorgt, versucht aus ihnen lesende und schreibende Kinder zu machen, wird es immer unerschwinglicher sich herkömmliche Energie zu beschaffen. Wir müssen bedenken, diese Arbeiten sind durch spenden finanziert. Gutes Geld wird regelrecht „verheizt“ das man in Lebensmittel, Ausbildungsstätten und medizinischer Versorgung  umsetzten könnte.

„Hilfe die bleibt“ – das ist die Überschrift des Spendenprojekts. Haiti ist nicht erst seit dem Erdbeben ein Brennpunkt. Warum ist die Investition in eine Solaranlage sinnvoller als bspw. die Bereitstellung von Lernmaterialien?
Auch zum lernen braucht man Strom. Wenn wir jetzt  eine Solaranlage bereitstellen, spart das Kosten die wir in andere Dinge, zum Beispiel Lernmaterial umsetzten können. Doch die Kosten die vor Ort gespart werden, können investiert werden in den Ausbau der bestehenden Waisenhäuser. Denn Waisen gibt seit dem Erdbeben leider wieder viele mehr.

Erzählen Sie uns von der Einrichtung vor Ort – für wen ist sie gedacht?
Sie ist für ursprünglich für Kinder von der Strasse gedacht gewesen bzw. für ausgesetzte Kinder. Kranke oder behinderte Kinder werden dort einfach ausgesetzt. Jetzt nach dem Erdbeben kann man nicht stur an diesem ursprünglichen Zweck festhalten. Deswegen wird im Moment jedem geholfen, der Hilfe braucht. Das medizinische Personal (22 Mediziner) arbeiten rund um die Uhr.

Was ist seit dem Beben passiert?
Feed the Hungry hat mit der Hilfe von „Love a Child“ Tausende von Überlebenden geholfen. Mit Nahrungsmittel, Trinkwasser und Zelten. Im Moment ist ein erneuter Container unterwegs. Ein Team aus Freiwilligen wird in kürze helfen weitere Zelte aufzubauen.

Wer kontrolliert, dass die Spendengelder auch wirklich dafür genutzt werden, wofür sie gedacht sind?
Keine Organisation kann sich noch erlauben, den Weg der Spenden nicht selbst zu kontrollieren. Das sind wir nicht nur dem Fiskus schuldig, sondern auch den Menschen die oft ihr letztes geben um anderen zu helfen. Wir als Feed the Hungry haben mit den Verantwortlichen von „Love a Child“, wie mit anderen Partnern in anderen Teilen der Welt auch, Verträge. Sie sind sogenannte „Hilfspersonen“ Das ist der juristische Ausdruck dafür. Diese Hilfspersonen müssen uns, das ist nach deutschem Recht so geregelt, in regelmäßigen vorgegebenen Abständen Berichte liefern was gemacht wurde und auch eine Abrechnung mit entsprechenden Belegen, vorweisen. Doch uns als FTH reicht das nicht. Deswegen sehen wir regelmäßig selbst nach, einer meiner Aufgaben, ob vor Ort auch wirklich auch alles so läuft wie es laufen soll. Letztendlich bin ich aber als Geschäftsführer und Vereinsvorsitzender verantwortlich. Und daher nehme ich mir auch die Freiheit das selbst zu kontrollieren. Aber ich kann, nicht ganz ohne Stolz sagen, das wir gute verantwortungsvolle Partner haben, die ihre Arbeit und ihr wie unserer gemeinsames Anliegen, Menschen zu helfen, sehr ernst nehmen. Wie am Anfang schon erwähnt. Nächstenliebe sollen keine fromme Worte bleiben, sondern zu Taten werden.

Wir werden natürlich immer wieder über das Projekt und Jean-Pierre Rummens berichten. Denn getreu unserem Motto “Hilfe, die bleibt” sind wir an einer wirklich nachhaltigen Unterstützung interessiert. Zehn Prozent der Ticketeinnahmen fließen direkt in das Projekt. Darüber hinaus sammeln wir Spenden, und leiten diese direkt an Feed the Hungry weiter.